von
Richard E. Turley jun
Überblick des Herausgebers
Im
Juli
2003 brachte der populäre Autor Jon Krakauer ein Buch heraus, in dem er
argumentierte, dass religiöser Glaube im allgemeinen und der Glaube der
Kirche
Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage im besonderen seine
Gläubigen oft zu
Gewalttätigkeit motiviere. Seit ihrer Gründung 1830 war die Kirche
Opfer vieler
reißerrischer und sensationslüsterner Berichte, die alle behaupteten,
die
wirklichen und schmutzigen Tatsachen aus dem Leben der Führer und
Mitglieder
der Heiligen der Letzten Tage zu offenbaren. Trotz des Anspruchs auf
Objektivität und historische Genauigkeit, zeigen solche Publikationen
beständig
das selbe Muster: Eine von einer Absicht getriebenes Unterfangen,
selektiv auf
Gerüchten und Halbwahrheiten beruhend, eingefärbt als historische
Wissenschaftlichkeit.
Zum
Bedauern für jene, die mehr über die Geschichte der Heiligen der
Letzten Tage
oder die Beziehung zwischen religiösem Glauben und Gewalttätigkeit
wissen
wollen, leidet Krakauers: Mord im Auftrag Gottes: Eine
Reportage über
religiösen Fundamentalismus unter denselben fatalen Mängeln.
Obwohl es
mit dem Buch zahlreiche Probleme gibt, die ausreichten um jegliche
Schlussfolgerung über Gewalt und ihre Beziehung zu religiösem Glauben,
falls es
welche gibt, zu entwerten, sind die wesentlichsten Schwächen in
Krakauers Buch
folgende:
·
Antireligiöses Vorurteil: Krakauer, ein bekennender Agnostiker, geht an das
Thema mit
entschieden antireligiösem Vorurteil heran, einem Vorurteil das der
Maßstab
dafür gewesen zu sein scheint, zu bestimmen welche „Tatsachen“ in
Erwägung
gezogen werden und wie sie interpretiert werden sollen.
·
Stellt Unwahrheiten als
Tatsachen dar:
Krakauer stellt Dinge, die einfach
nicht so sind, als Tatsachen dar,
wie die
Ereignisse rund um das Gerichtsverfahren von 1826, in dem Joseph Smith
freigesprochen wurde, die Einzigartigkeit der
Stadtverfassung von
Nauvoo, die Rolle und das Schicksal von Orrin Porter Rockwell im
Mordversuch
gegen Gouverneur Boggs und die Datierung des Briefes von Brigham Young,
der den
Süduthanern befahl, sich nicht mit den Auswanderern auf den Mountain
Meadows zu
beschäftigen.
·
Stellt historisch Unbekanntes
als Tatsache dar:
Krakauer stellt Ereignisse, für die
die Beweise strittig und bestenfalls nicht überzeugend sind, als
historische
Tatsachen dar, wie eine Beziehung von Joseph Smith mit Marinda Johnson
im Jahr
1831 oder für die es beträchtliche Beweise im Sinne einer alternativen
Erklärung gibt wie die Ereignisse rund um das Moutain Meadows Massaker.
·
Haupthypothese nicht unterstützt
durch die Beweislage:
Krakauers gesamtes Argument
versagt, weil er nie einen Beweis dafür liefert, dass Religion oder
auch nur
religiöser Fanatismus mehr Gewalt als Frieden fördert. Die Geschichte
der
Völkermorde im 20. Jahrhundert unter Führern wie Pol Pot, Stalin, Mao
Tse Tung
und Hitler widerlegt Kakrauers Hypothese direkt. Es stimmt zwar, dass
einige
religiöse Menschen gewalttätig sein können, doch scheint das eine
unbedeutende
Rolle in der alltäglichen Gewalt zu spielen, einer Gewalt die
offensichtlich
von Drogen, häuslichen Problemen, Alkoholismus, Unmoral und Gier
herrühren.
·
Muster religiöser Gewalt werden
nicht unterstützt:
Auch wenn man annimmt, dass die
„Beweise“, die Krakauer liefert, als wirklich vorgelegt angenommen
werden
könnten, legt Krakauer keinen Beweis, keine Statistik oder kein
Argument dafür
vor, die die Annahme unterstützen würde, dass es eine Tendenz zu Gewalt
innerhalb der Führerschaft und Mitgliedschaft der Kirche Jesu Christi
der
Heiligen der Letzten Tage gäbe statt dass dies nur einige wenige
isolierte
Vorfälle in einer grundsätzlich friedlichen, gewaltlosen und toleranten
Gemeinschaft von Gläubigen seien.
Vielleicht
liegt der Grund für diese Mängel darin, dass Krakauer kein Historiker,
sondern
ein Romanschriftsteller ist. Vielleicht kennt er die HLT-Kirche, ihre
Mitgliedschaft oder ihre Geschichte nicht gut genug um ein
tatsächliches, von
Vorurteilen nicht getrübtes historische Bild vorzulegen. In beiden
Fällen ist
es eine ausgesprochene Schande, dass ein gefeierter Autor historische
Lügen und
religiös bigotte Informationen zusammenpackt und sie einer arglosen
Leserschaft
serviert.
Richard
Turley's Besprechung
Im oft zitierten Buch: Fehler der
Historiker: Zu eine Logik
historischen Denkens, verdammt David Hackett Fisher jene, die
auf der Basis
einer ungenügenden Stichprobe zu einer Verallgemeinerung gelangen:
Es gibt
eine Geschichte, vielleicht apokryph, über einen Wissenschaftler, der
eine
erstaunliche und unwahrscheinliche
Verallgemeinerung über das Verhalten von Ratten
veröffentlichte. Ein
ungläubiger Kollege kam in sein Labor und bat ihn höflich, die
Aufzeichnungen
der Experimente zu sehen, auf denen die Verallgemeinerung begründet
war. „Hier
sind sie“; sagte der Wissenschaftler und zog ein Notizbuch aus einem
Stapel
Papier auf seinem Schreibtisch. Und indem er auf einen Käfig in der
Ecke
zeigte, fügte er hinzu: „und das ist die Ratte.“(1)
Begierig,
seine eigen Hypothese zu beweisen, benutzt Jon Kakauer, der Autor von Mord im Auftrag
Gottes: Eine Reportage
über religiösen Fundamentalismus,(2) den abnormalen Mordfall
Lafferty von
1984 um „die gewalttätige Vergangenheit des Mormonismus zu betrachten“
und die
„Schattenseite des erfolgreichsten hausgemachten Glaubens der
Vereinigten
Staaten“ zu untersuchen.(3) Wenn das Buch vielleicht auch
leichtgläubige
Menschen anspricht, die nach so einem Köder schnappen wie die Forelle
nach
einem Fliegenhaken, brauchen ernsthafte Leser, die die Heiligen der
Letzten
Tage und ihre Geschichte verstehen wollen, nicht ihre Zeit damit zu
verschwenden.
Eine zugrunde liegende Absicht
Angeblich auf Morde ausgerichtet, die Brüder
begangen haben, die aus
der Kirche ausgeschlossen worden waren, ist Krakauers Buch in Wahrheit
eine
Verdammung von Religion ganz allgemein. Der agnostische Verfasser
schreibt:
„Ich weiß nicht, was Gott ist oder was Gott beabsichtigte, als das
Universum in
Gang gebracht wurde. Ja, ich weiß nicht einmal, ob Gott überhaupt
existiert,
wenn ich auch zugebe, dass ich mich manchmal beim Beten finde in Zeiten
großer
Angst oder Verzweiflung oder Erstaunens wenn sich unerwartete Schönheit
zeigt.“
Er scheint zu glauben, dass Gott in diesem Leben unerkennbar ist. „In
Abwesenheit von Überzeugung“, sagt er über sein Scheitern Glauben zu
finden,
„habe ich mich mit der Tatsache abgefunden, dass Ungewissheit ein
unausweichliche Begleiterscheinung des Lebens ist.“ Er gibt zu, dass er
mit dem
Großteil der Menschheit eine Furcht vor dem Tod gemeinsam hat, ein
Sehnen
danach „zu begreifen wie wir hierher gelangt sind und warum,“ und ein
Sehnen
„die Liebe unseres Schöpfer zu kennen.“ Doch er glaubt, „die meisten
von uns
werden ohne Zweifel diesen Schmerz spüren solange wir am Leben sind.“
Das
Ergebnis seines (Un)glaubenssystems ist ein Thema, das sein Buch
durchdringt:
„Die wesentliche Unerforschlichkeit der Existenz zu akzeptieren … ist
gewiss
ihrem Gegenteil vorzuziehen: Vor der Tyrannei unversöhnlichen Glaubens
zu
kapitulieren.“, das heißt, vor der Religion.(4)
„Es gibt eine dunkle Seite religiöser Hingabe, die
zu oft ignoriert
oder geleugnet wird,“ postuliert er in der Einleitung. „Als ein Mittel,
um
Leute zu motivieren, grausam und unmenschlich zu sein – als ein Mittel
Menschen
zu motivieren böse zu sein, um das Vokabular der Frommen zu entlehnen –
dürfte
es wirklich nichts wirksameres geben als Religion.“ Indem er sich auf
den
„islamischen Fundamentalismus“ bezieht, der in die Tötungen des 11.
September
2001 mündete, sagt er weiter: „Menschen begehen abscheuliche Taten im
Namen
Gottes bereits seit die Menschheit begann, an Götter zu glauben und
Extremisten
gibt es in allen Religionen.“ Er findet, dass
in der „Geschichte kein Mangel an Muslimen,
Christen, Juden, Sikhs und
sogar Buddhisten herrscht, die durch heilige Schriften motiviert
wurden,
Unschuldige hinzuschlachten. In Glauben begründete Gewalt war vorhanden
lange
vor Osama bin Laden und wird lange nach seinem Abtreten vorhanden
sein.“(5)
Er räumt ein, dass „in jedem menschlichen
Unternehmen wird ein Teil
seiner Praktizierenden motiviert sein, diese Aktivität mit solch
konzentrierter
Hingabe und so unvermischter Leidenschaft zu verfolgen, dass sie sie
vollständig verzehrt. Man muss nicht weiter blicken als auf Personen,
die sich
getrieben fühlen Konzertpianisten zu werden oder sagen wir den Mt.
Everest zu
besteigen.“ Er liefert keine wissenschaftliche Methode um Extremismus
zu
messen, doch er versichert, dass er „besonders unter jenen
vorherrschend zu
sein scheint, die durch Temperament oder Erziehung zu religiösem
Streben
neigen.“
Diese zungenfertige Annahme führt zur Hypothese
für sein Buch:
Glauben ist
die wahre Antithese von Vernunft, Unüberlegtheit ein wesentlicher
Bestandteil
spiritueller Hingabe. Und wenn religiöser Fanatismus jede Folgerung
ablöst,
kann man auf nichts mehr setzen. Alles kann geschehen. Absolut alles.
Hausverstand passt nicht zur Stimme Gottes – wie die Taten von Dan
Lafferty
lebhaft bezeugen. (6)
Der Fall
Lafferty, das vorgebliche Thema des Buches, wird zu einer bloßen
Illustration
dieser Theorie.
Eine
unrichtige „Geschichte“
Um seinen
Fall zu unterstützen, dass die „Wurzeln ihres [der Lafferty Brüder]
Verbrechens
tief in der Geschichte einer von Millionen praktizierten amerikanischen
Religion liegen,“ (7) legt Krakauer eine entschieden einseitige und
negative
Sichtweise mormonischer Geschichte vor.
In Bezug
auf Joseph Smiths wohlbekanntes Gerichtsverfahren von 1826 zum Beispiel
gibt
Krakauer an „ein unzufriedener Kunde habe Joseph Smith als Betrüger
angezeigt.“
(8) Diese Annahme zeigt Krakauers Mangel an Vertrautheit mit
grundlegenden
Aspekten des fraglichen Gerichtsverfahrens ebenso wie seine Neigung,
Beweise
negativ auszulegen. In Wahrheit ergab sich das Verfahren nicht von
einem
„unzufriedenen Kunden“ sondern von Strafverfolgern, die Joseph als
ordnungswidrige Person wegen angeblichen Betrugs seines Arbeitgebers
Josiah
Stowell vor Gericht gezerrt hatten. Wie ein heutiger Rechtsgelehrter,
der den
Fall sorgfältig studiert hat, anmerkte, hat jedoch Stowell
„leidenschaftlich
verneint, dass er getäuscht oder betrogen worden wäre.“ (9) Als
Ergebnis wurde
Joseph für unschuldig befunden und entlassen. (10)
Krakauer
dehnt auch die Wahrheit, wenn er von heutigen Kirchenereignissen
schreibt. Er
besuchte das Hill Cumorah Pageant in Palmyra, New York und stellte dar,
dass es
„die Energie eines Phish-Konzerts habe, aber ohne die Trunkenheit,
ausgefallene
Haartrachten … oder Wolken von Mariujanarauch.“ (11) Ohne eine Quelle
zu
zitieren, behauptet er übertreibend, dass „früher oder später die
meisten
Heiligen der Letzten Tage eine Pilgerreis dorthin unternehmen.“ (12)
Wenn das
Festspiel auch populär ist, haben es doch die meisten Heiligen der
Letzten Tage
nie besucht und werden es meist auch nie besuchen.
Der Autor
lässt einiges Verständnis für Lehren und Verwaltungsstruktur der Kirche
erkennen, doch macht er Schnitzer, die seine allgemein schwache
Beherrschung
der Thematik anzeigen. Zum Beispiel bezeichnet er Mark E. Petersen, ein
Mitglied des Rates der Zwölf Apostel als „HLT-Präsident.“ (13), ein
offensichtlicher Fehler. Krakauer zeigt seine Unkenntnis von Bibel und
Buch
Mormon wenn er Laban als „betrügerischen, stinkreichen Schafmagnaten,
der in
den Seiten sowohl des Buches Mormon als auch des Alten Testaments
auftaucht“
bezeichnet (14) Der Laban des Alten Testaments, der der Onkel und
Schwiegervater des Patriarchen Jakob und Bruder Rebekkas ist, lebte
viele
Jahrhunderte vor dem Laban des Buches Mormon.
Indem er
eine uninformierte Behauptung übernimmt, schreibt Krakauer dass Nauvoo,
Hauptquartier der Kirche von 1839 bis 1846 „Souveränitätsrechte und
Mächte
besessen habe, die nicht nur in Illinois sondern im ganzen Land
einzigartig
waren“ als Ergebnis eines „höchst ungewöhnlichen Statuts.“ (15) Seine
Auslegung
ist nicht durch heutige Wissenschaft hinterlegt. Glen M. Leonards Nauvoo:
A
Place of Peace, a People of Promise [Nauvoo: Ein Ort des
Friedens, ein Volk
der Verheißung] merkt richtig an:
Während der vorhergehenden zwei Jahre hat die
Gesetzgebung von Illinois
der Bleischürfstadt Galena an der Nordgrenze von Illinois, der neuen
Staatshauptstadt Springfield und Quincy, Nauvoos mildtätigem Nachbarn
in Adams
County städtische Statuten verliehen. Davor waren nur Chicago und Alton
Stadtstatuten ausgestellt worden, beide 1837. Jede der Statuten in
dieser
Abfolge baute auf den vorhergehenden auf und schuf damit ein Muster der
Vertrautheit für die Gesetzgeber von Illinois. Das Planungskomitee in
Quincy
hatte Bezug genommen auf die Statuten, die für Chicago und Alton
ausgestellt
worden waren und für eine in St. Louis, Missouri. Nauvoos Antrag fügte
Vorkehrungen zusammen, die diejenigen nachahmten, die bereits in den
drei
kürzlichen Lizenzen von Galena, Quincy und Springfield genehmigt worden
waren.
Eine längere Abhandlung über die gesetzgeberische Vollmacht des
Stadtrates von
Nauvoo war wörtlich aus dem Statut von Springfield kopiert worden, eine
übliche
und rechtmäßige Vorgehensweise. (16)
Krakauer
gibt zwar zu dass Joseph Smith „Die Verfassung der Vereinigten Staaten
ehrte“,
sagt aber, er habe „sowohl
in Wort als
auch in Tat … wiederholt gezeigt, dass er selbst generell wenig Respekt
vor den
religiösen Ansichten von
Nichtmormonen
hatte und dass es unwahrscheinlich war, dass er die verfassungsmäßigen
Rechte
anderer Glaubensgemeinschaften respektierte.“ (17) Ernsthafte
Erforscher von
Josephs Smith verstehen jedoch, dass er allgemein
hohe Wertschätzung für die Rechte anderer
hatte. Als er zu seinen Gefolgsleuten bei einem Sabbatgottesdienst in
der Nähe
des unvollendeten Nauvoo Tempels am 9. Juli 1843 sprach, erklärte
Joseph:
Wenn gezeigt worden ist, dass ich willens bin für
einen Mormonen zu
sterben, bin ich so kühn vor dem Himmel zu erklären, dass ich genau so
bereit
bin für einen Presbyterianer oder einen Baptisten oder für irgend eine
andere
Konfession zu sterben. Eine Liebe für die Freiheit, für bürgerliche und
religiöse Freiheit, die meine Seele inspiriert. (18)
Krakauer
akzeptiert auch die Sichtweise, dass Orrin Porter Rockwell versucht
habe, den
früheren Gouverneur von Missouri, Lilburn W. Boggs zu ermorden, nachdem
Joseph
Smith angeblich prophezeite, Boggs werde sterben. Dann schreibt er,
dass
„Rockwell keine Schwierigkeit hatte einen Arrest zu umgehen. Weder er
noch
irgend ein anderer Heiliger wurde wegen der Tat vor Gericht gebracht.“
(19)
Harold Schindler jedoch schließt in seiner von den Kritikern
zugestimmten
Biographie von Rockwell dass es „eine Sache für Mutmaßung ist“, ob
Rockwell auf
Boggs schoss. „Falls Rockwell den tödlichen Schuss abfeuerte, würde es
erscheinen, dass die
Entscheidung von
ihm selbst kam.“ (20)
Rockwell
wurde schließlich wegen einer „fadenscheinigen Zeugenaussage“
verhaftet, monatelang
eingesperrt und mit etwas verpflegt, das man nur als „Saufraß“
bezeichnen
konnte. Wiederholt wurde er schikaniert und nahezu gelyncht. „Als die
Wochen
vergingen schwand der einst bärenstarke Mormone dahin bis er wenig mehr
als ein
Gespenst war. Sein Haar wuchs lang und zottig, verseucht mit Parasiten
von
seiner feuchten, grabartigen Zelle, sein Bart wurde von Schweiß und
Schmutz
bedeckt, seine Augen sanken in die dunklen Höhlen seines Gesichts.“
Nach
Monaten des Leidens wurde er endlich vor einen Richter gebracht, der
ihn
darüber informierte, dass „die Grand Jury es abgelehnt habe, eine
Anklage gegen
ihn zu erheben“ wegen der ursprünglichen Beschuldigung, doch habe sie
beschlossen, ihn dafür anzuklagen, dass er zu fliehen versucht habe.
„Rockwell
wurde in seine Zelle zurückgebracht, um seine absurde Zwickmühle zu
überdenken:
Er war frei von der einen Anschuldigung nur um dafür angeklagt zu
werden, dass
er aus dem Gefängnis fliehen wollte, wo das Gesetz zugab, dass er
überhaupt
nicht eingesperrt hätte sein sollen.“ Schließlich befand ihn ein
Schwurgericht
des Fluchtversuchs schuldig und verurteilten ihn zu fünf Minuten
Gefängnis.
Rasch wurde befohlen, ihn freizulassen und er war „zum erstenmal seit
neun
Monaten ein freier Mann.“(22)
In Bezug
auf die weggelaufenen Bundesbeamten des frühen Utah, gibt Krakauer zu,
dass
„viele … korrupt bis in den Kern waren und nach Utah gekommen waren,
mit der
Absicht sich durch Bestechung zu bereichern.“ Eine Behauptung die, wenn
auch
hart, zumindest einige Grundlage in den Tatsachen hat. Krakauer sagt
weiter,
dass die meisten dieser Beamten Utah verließen aus Angst, dass, „wenn
sie
bleiben, sie einen unangekündigten Besuch von Porter Rockwell bekommen
würden
und tot auftauchen würden – was tatsächlich einer nicht dokumentierten
Anzahl
von Bundesagenten passierte.“ (23) Er erklärt nicht, woher er von
diesen
Todesfällen weiß oder welche glaubwürdigen Beweise er dafür hat, dass
sie
geschahen, wenn sie, wie er zugibt, nicht dokumentiert sind.
Eine
anzügliche „Geschichte“
Indem er
wiederum eine schlüpfrige Geschichte für bare Münze nimmt – eine die in
Fawn
Brodies Biographie von Joseph Smith, einer Hauptquelle für sein Buch,
erscheint
– schreibt Krakauer:
Im Sommer 1831 nahm Familie Johnson Joseph und
Emma Smith als
Untermieter in ihr Haus auf und kurz darauf zog der Prophet, wie man
sagt, die
junge Marinda ins Bett. Leider blieb die Liaison anscheinend nicht
unbemerkt
und eine Bande von erzürnten Ohioern – darunter eine Anzahl Mormonen –
beschloss, Joseph Smith zu kastrieren, so dass er in Zukunft abgeneigt
sein
würde solche lasterhaften Taten zu begehen.(24)
Obwohl
Marinda wahrscheinlich später eine Mehrehefrau von Joseph Smith wurde,
legen
Brodie und Krakauer nur einen Teil der Beweise vor – den Teil der eine
Lust am
Sensationellen befriedigt.
Betrachten
Sie die ausgewogenere Analyse in Todd Comptons In Sacred
Loneliness: The
Plural Wies of Joseph Smith:
Die Motivation für dieses Mobbing wurde
diskutiert. Clark Braden, ein
später, feindseliger Zeuge zweiter Hand behauptete in einer polemischen
öffentlichen Debatte, dass Marindas Bruder Eli einen Mob gegen Smith
geführt
habe weil der Prophet zu intim mit Marinda gewesen wäre. Diese
Tradition lässt
vermuten, dass Smith Marinda vielleicht schon zu dieser frühen Zeit
geheiratet
habe und einige Umstände unterstützen eine solche Möglichkeit. Der
Kastrationsversuch kann als Beweis dafür genommen werden, dass der
Pöbel das
Gefühl hatte, Joseph hätte eine sexuelle Ungehörigkeit begangen. Da der
Versuch
von Luke Johnson berichtet wird, gibt es keinen guten Grund, sie zu
bezweifeln.
Auch hatten sie die Operation vorher geplant, da sie einen Doktor
mitbrachten
um sie auszuführen. Die ersten Offenbarungen über Polygamie waren 1831
erhalten
worden, nach der Datierung des Historikers Danel Bachmann. Auch neigte
Joseph
dazu, Frauen zu heiraten, die in seinem Haus gewohnt hatten oder bei
denen er
gewohnt hatte.
Viele andere Faktoren sprechen jedoch gegen diese
Theorie. Erstens
hatte Marinda keinen Brude Namens Eli, was zu der Annahme führt, dass
Brandons
Anschuldigung, spät wie sie ist, entstellt und unzuverlässig ist.
Zusätzlich
geben zwei feindselige Berichte von Hayden und S.F. Whitney einen
völlig
anderen Grund für
das Mobben an mit
einem völlig anderen Anführer, Simonds Ryder, einen Exmormonen, auch
wenn die
Johnson-Brüder immer noch Teilnehmer sind. In diesen Berichten ist der
Grund
für die Gewalttätigkeit wirtschaftlich: Die Johnson Jungs waren im
Pöbel wegen
der „scheußlichen Tatsache, dass eine Verschwörung im Gange war, ihnen
ihren
Besitz wegzunehmen und ihn unter die Kontrolle von Smith zu geben.“ Die
Kastration dürfte in diesem Szenario nur eine Drohung gewesen sein mit
dem
Ziel, Smith einzuschüchtern und ihn zu veranlassen, Hiram, [wo die
Johnsons
lebten] zu verlassen.
Nachdem sie das Ereignis beschrieb, schrieb
Marinda nur: „ Hier habe
ich das Gefühl, mein Zeugnis zu geben, dass während des ganzen Jahres,
das
Joseph ein Mitbewohner in meines Vaters Haus war, ich in seinem
täglichen Leben
oder in seinen Gesprächen niemals irgend etwas sah, das mich hätte an
seiner
göttlichen Mission zweifeln lassen.“ Es ist zwar nicht unmöglich, dass
Marinda
1831 Smiths erste Mehrfachehefrau wurde, doch ist der Beweis für eine
solche
Heirat, der hauptsächlich auf dem späten, unzuverlässigen Braden ruht,
nicht
überzeugend. Wenn nicht glaubwürdigere Beweise gefunden werden, ist es
besser
unter der Annahme fortzufahren, dass Joseph und Marinda 1931 nicht
heriateten
oder eine Beziehung hatten. (25)
Eine
einseitige „Geschichte“
Da das
Mountain Meadows Massaker so gut zur These Krakauers passt, räumt er
ihm
großzügig Platz ein. Auch wenn er es wiederum tut, ohne selbst die
Tatsachen
kritisch zu untersuchen. Zum Beispiel schluckt er die trendige
Sichtweise, dass
das Treffen Brigham Youngs mit indianischen Führern am 1. September
1857 einen
Todesbefehl für die Fancher-Gesellschaft dargestellt hätte, da
Brigham Young den Indianern ausdrücklich all das
Auswanderervieh auf
dem Old Spanish Trail „gegeben“ hatte-d.h. Die Preisherde Fanchers, die
die
Paiute gierig angestarrt hatten, als sie genau eine Woche vorher in der
Nähe
der Auswanderer gelagert hatten. Die Botschaft des Propheten an die
indianischen Führer war klar genug: Er wollte, dass sie den Fancher
Wagenzug
angriffen. Am Morgen nach dem Treffen verließen die Indianer die Stadt
der
Heiligen beim ersten Morgenlicht und und begannen hart nach Südutah zu
reiten.
(26)
Wie andere
Schreiber, die diese Theorie glauben wollen, übersieht er wesentliche
Beweise.
Dimick Huntingtons Bericht seiner Wechselbeziehung mit den Indianern
(der Kern
dieses Arguments) deutet darauf hin, dass jemand – vielleicht Brigham
Young
oder vielleicht Huntington selbst – den Indianern das Vieh auf der
Straße nach
Süden gaben. Doch nichts im historischen Bericht spezifiziert diese
Richtung
auf die Fancher-Gesellschaft. Andere Beweise zeigen, dass den Indianern
im
Norden auch das Vieh auf der Straße nach Norden gegeben wurde. Mit
anderen
Worten, dieser so genannte „rauchende Colt“, der der Dreh- und
Angelpunkt
kürzlich mit großem Tamtam angekündigter Veröffentlichungen über das
Massaker
beläuft sich auf wenig mehr als einen verallgemeinerten Ausdruck der
Kriegsstrategie der Heiligen zu der Zeit, dass sie den Indianern
erlaubten,
Vieh zu nehmen als Lohn für ihre Unterstützung. Das ist weit davon
entfernt,
das Massaker eines Zuges von Männern, Frauen und Kindern zu befehlen.
Zudem
lassen wesentliche Beweise annehmen, dass die Indianer, die an dem
berühmten
Treffen teilnahmen, sich gar nicht am Massaker beteiligten.
Wie andere
neuerliche Schreiber muss sich Krakauer irgendwie der Tatsache stellen,
dass
Brigham Young als er von einem möglichen Angriff auf den Zug erfuhr,
einen
Brief schickte, in dem er die Süduthaner anwies, sich nicht mit den
Auswanderern zu befassen. Der Brief ist eine klare Aussage, wenn auch
manche
Schreiber, bestrebt einen Indizienfall gegen Brigham Young zu beweisen,
versuchen, dass nein ja bedeutet, indem sie annehmen, dass der Befehl,
den
Wagenzug nicht anzugreifen in Wahrheit genau das Gegenteil davon war.
Um den
Brief noch weiter zu untergraben, stellt Krakauer fest:
Der wirkliche Wortlaut von Brighams Brief bleibt
in einigem Zweifel, da
das Original verschwunden ist (zusammen mit fast jedem offiziellen
Dokument das
sich auf das Mountain Meadows Massaker bezog). Der oben zitierte Auszug
ist aus
einem angeblichen Entwurf des Briefes, der erst 1884 auftauchte, als
ein
HLT-Funktionär in den Seiten eines Kirchenbriefbuchs auf ihn stieß. (27)
Der Brief
wurde zwar wirklich 1884 zitiert, doch ist er damals nicht erstmalig
aufgetaucht und sein „wirklicher Wortlaut“ bleibt nicht „in einigem
Zweifel“.Die meiste Korrespondenz von Brigham Young wurde unmittelbar
nach
ihrer Erstellung und vor dem Versand kopiert. Die Kopien – entsprechend
heutigen Fotokopien – wurden gemacht, indem die originalen mit Tinte
geschriebene Briefe zwischen den angefeuchteten Seiten eines gebundenen
Buches
von Florpapier gepresst wurden. Die Feuchtigkeit ließ frische Tinte von
den
Originalen in das Florpapier eindringen und schuf so Spiegelbilder der
Briefe.
Ein perfektes Spiegelbild von Youngs berühmtem Brief ist genau dort wo
es sein
sollte, in Brighams Briefpressenkopienbuch von 1857. Es ist eine
zeitgenössische Kopie und stand der Strafverfolgung zur Verfügung im
Verfahren
das zur Verurteilung und nachfolgenden Hinrichtung von John D. Lee in
den 70er
Jahren des 19. Jahrhundert führte und dort auch benutzt wurde.
Zu einem
neueren Thema bezieht sich Krakauer auf Mark Hofmanns berühmte
Fälschungen der
80 er Jahre des 20. Jahrhundert und behauptet, dass „mehr als 400
dieser gefälschten
Artefakte von der HLT-Kirche gekauft wurden (die glaubte, sie wären
authentisch) und dann in einem Gewölbe wegschloss um sie aus dem Auge
der
Öffentlichkeit zu halten.“ (28) Das ist eine grobe Übertreibung. In
Wahrheit
waren die meisten von Hofmann erworbenen Dokumente unbedeutende Rechts-
oder
Regierungsdokumente. Obwohl ihnen wegen ihrer Unwichtigkeit eine
niedrige
Katalogisierungspriorität zugewiesen wurde, wurden sie nicht „in einem
Gewölbe
versteckt“ in absichtlichem Bemühen „sie aus der öffentlichen
Aufmerksamkeit
heraus zu halten.“ (29)
Schlussfolgerung
Obwohl noch
weitere Beispiele gegeben werden könnten, genügen diese um zu zeigen,
dass
Krakauer der mormonischen Geschichte Gewalt antut um „die Geschichte
eines
gewalttätigen Glaubens“ zu erzählen. Die überwiegende Mehrheit Heiliger
der
Letzten Tage im 19. Jahrhundert waren friedliebende Leute, die den
Wunsch
hatten, ihre Religion in einem Geist der Gewaltfreiheit zu praktizieren
und
„allen Menschen denselben Vorzug zukommen zu lassen, mögen sie verehren
wie, wo
oder was sie wollen.“ (30)
Anmerkungen
1.
David Hackett Fischer, Historian's
Fallacies: Toward a Logic of Historical Thought (New York,
Harper and Row,
1970), 109
2.
Jon Krakauer, Under the Banner
of Heaven: A Story of Violent Faith (New York: Doubleday,
2003), Deutsch: Mord
im Auftrag Gottes: Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus
(Piper,
2003)
3.
Krakauer, Under the Banner of
Heaven, Vorabkopie, Umschlag hinten[die Krakauer-Zitate in
dieser Rezension
sind alle direkt aus dem englischen Original übersetzt und nicht der
deutschen
Übersetzung entnommen]
4.
Krakauer, Under the Banner
of Heaven, 287
5.
Ibid, xxii
6.
Ibid, xxiii
7.
Krakauer, Under the Banner of
Heaven, Vorabkopie,
Umschlag vorne
8.
Krakauer, Under the Banner
of Heaven, 39
9.
Gordon A. Madsen, „Joseph
Smith's 1826 Trial: The Legal Setting,“ BYU Studies 30
(Frühjahr 1990), 105
10.
Ibid
11.
Krakauer, Under the Banner
of Heaven, 47
12.
Ibid. 44
13.
Ibid., 53
14.
Ibid., 132
15.
Ibid., 80
16.
Glen M. Leonard, Nauvoo: A Place
of Peace, a People of Promise (Salt Lake City: Deseret Book Company und
Brigham
Young University Press, 2002) 101
17.
Krakauer, Under the Banner of
Heaven, 81
18.
The Works of Joseph Smith, herausgegeben von Andrew F. Ehat und Lyndon W:
Cook (Provo, Utah:
religious Studies Center, Brigham Young University, 1980) 229
19.
Krakauer, Under the Banner of
Heaven, 82
20.
Harold Schindler, Orrin Porter
Rockwell: Man of God,Son of Thunder (Salt Lake City:
University of Utah
Press, 1983) 72-73
21.
Ibid., 75-90
22.
Ibid., 90-99
23.
Krakauer, Under the Banner of
Heaven, 168
24.
Ibid., 90
25.
Todd Compton, In Sacred
Loneliness: The Plural Wives of Joseph Smith (Salt Lake City: Signature
Books,
2001), 231-232
26.
Krakauer, Under the Banner of
Heaven, 179
27.
Ibid., 182
28.
Ibid., xxi
29.
See Richard E. Turley, Jr., Victims:
The LDS Church and the Mark Hofmann Case (Urbana and Chicago,
Illinois:
University of Illinois Press)
30.
Die Glaubensartikel der Kirche
Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Artikel 11, erstmals
veröffentlicht
1842
Über
den Autor
Richard E.
Turley ist der geschäftsführende Direktor der Abteilung für Familien-
und
Kirchengeschichte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Über
den Herausgeber
Paul McNabb
ist ein internationaler Sachverständiger und Dozent für
Computersicherheit und
ist ein ehrenamtlicher Herausgeber für FAIR