Entgegnung auf Rüdiger Hauths Buch
Die Mormonen: Sekte oder neue Kirche Jesu Christi?
Dr. Daniel C. Peterson.
Copyright der deutschen Übersetzung:
LDS BOOKS Schubert & Roth OHG,
Bad Reichenhall.
LDS
BOOKS hat die Übersetzung anlässlich des Starts der deutschen FAIR-Site unentgeltlich zur Verfügung gestellt.
Ziemlich seicht
"Für
Christen ist es wohl kaum möglich, eine positive Einstellung zu
einem System zu gewinnen, das sich in der öffentlichen Werbung als
'christlich' darstellt, in Wirklichkeit aber auf
unbiblisch-unchristlichen Elementen und wild wuchernder
menschlicher Phantasie basiert.“(S.188)
Mein
Dank gilt Dr. William J. Hamblin für seine hilfreichen Bemerkungen
während der ersten Arbeiten an dieser Besprechung. Ebenso bedanke
ich mich bei Deborah D. Peterson, Stephen D. Ricks und dem
unvergleichlichen Michael Lyon, die mir beim Recherchieren
verschiedener Unterlagen behilflich waren. Die Professoren Luther
Giddings, Mark J. Johnson, Hans-Wilhelm Kelling und Madison Sowell
haben mir letzte Fragen hilfreich beantwortet.
Nun
bin ich schon bald ein ganzes Jahrzehnt für die Buchbesprechungen
der FARMS Review of Books zuständig. Gelegentlich habe ich
mich dabei auch mit Büchern befaßt, die aus dem unaufhörlich
brodelnden Kessel auftauchen, in dem die hauptberuflichen Verachter
der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage zu leben
scheinen.
Ich
muß gestehen, daß diese Aufgabe zusehends mühsamer wird. Deswegen
habe ich mir zum Spaß den Titel eines Films ausgedacht, den mein
Kollege William Hamblin und ich drehen möchten: Bills und Dans
wundersame Abenteuer in der Anti-Mormonen-Zombie-Hölle. Gleich
all jenen anderen, die es sich gelegentlich zur Aufgabe machen, die
tristen Halbweltsviertel der fundamentalistischen Mormonengegner
abzuklopfen, haben wir von der weitverbreiteten Tendenz dieser
fanatischen Kreuzzügler und ihrer Schriften bald genug, da sie
immer und immer wieder Argumente vorbringen, die bereits vor Jahren
widerlegt wurden, da sie Gegenbeweise und unterschiedliche
Interpretationen ignorieren und in wonniglicher, manchmal auch
trotziger Unkenntnis wichtiger Fakten ohne Unterlaß weitermachen.
Menschen wie mir, die sich als Jugendliche ab und zu gerne ein,
zwei Stunden lang alte Horrorfilme ansahen, fällt es immens schwer,
in diesem Zusammenhang nicht an die B-Monsterfilme in Schwarzweiß
erinnert zu werden, in denen Horden hirnloser Zombies losstürmen
und von keiner noch so großen Anzahl von Geschoßen zu stoppen sind.
Ist doch zum Beispiel 1995 ein Buch erschienen, das - so
unglaublich dies auch klingen mag und tatsächlich auch ist - die
Spaulding-Theorie über den Ursprung des Buches Mormon wieder
auferstehen läßt und die gesamte Propaganda über das Buch Abraham
abdruckt, die der verstorbene, mit immerwährendem Schimpf und
Schande aus der wissenschaftlichen Welt entlassene Dee Jay Nelson
in die Welt gesetzt hat.1
Findet sich keine Umweltschutzgruppe, die dem ein Ende zu setzen
vermag? Wieviele Bäume müssen noch umgeholzt werden, ehe man
endlich aufhört, dieses Zeug immer wieder aufs neue zu drucken? Die
Verdrehung von Tatsachen, die Nichtbeachtung bestehender
wissenschaftlicher Erkenntnisse, erstaunliche Anfälle mangelnder
Logik, Doppelmoral sowie die absurdesten Übertreibungen mögen
einige Zeit lang ganz amüsant sein, werden aber schnell langweilig.
Man nehme zum Beispiel Sandra Tanner, eine der prominentesten
Vertreterinnen des noch (verhältnismäßig) anständigen Flügels im
Spektrum der Mormonengegner. "Der Mormonismus", so Sandra Tanner in
einem Videofilm, der vor kurzem von und für die Southern Baptist
Convention produziert wurde, " ist eine völlig andersartige
Religion. Er ist nicht nur eine Gattung des Christentums, sondern
eine radikal andersartige Theologie . . . eine Theologie, die dem
Christentum ebenso nahe steht wie dem Hinduismus. Der Mormonismus
vertritt eine völlig andersartige Ansicht in Bezug auf Mensch, Gott
und die Schöpfung. Alles am Mormonismus ist andersartig. Die
Mormonen verwenden lediglich die gleichen Begriffe."2
Also, bitte! Kann man einen Menschen, der einen solchen Unsinn von
sich gibt, noch dazu in einem Videofilm, der im Lehrplan einer
großen protestantischen Kirche Verwendung finden soll, wirklich
ernst nehmen? Welches Maß an Glaubwürdigkeit als "Fachmann" besitzt
so jemand? Zu gern möchte man Ms. Tanner einige Fragen stellen, zum
Beispiel: Welche Rolle spielen der Weda oder die Upanischaden im
Glauben der Heiligen der Letzten Tage? Welche Rolle spielt das
Karma in der Theologie der Mormonen? Was sagen die Führer der
Kirche über Reinkarnation oder Seelenwanderung? Gibt es in den
heiligen Schriften der Mormonen Aussagen über irgendein starres und
kompliziertes Kastenwesen? Hat es. in der Geistesgeschichte des
Mormonismus wie im atheistischen Teil des Hinduismus eine
atheistische Variante gegeben? Was ist dem Monismus des Hinduismus
ähnlicher, das Gottesverständnis der Mormonen oder der klassische
post-nizäische Trinitarismus? Kann Ms. Tanner ein Kirchenlied der
Mormonen nennen, das zu Ehre von Wischnu gesungen wird? Könnte sie
vielleicht einen Kommentar über die wachsende Bhakti-Bewegung unter
den Mormonen abgeben? Oder über die singenden, safrangelbe Kutten
tragenden Mormonenmissionare in amerikanischen Flughäfen? ("Hare,
Hare Joseph!") Was weiß sie tatsächlich über den Hinduismus, daß
sie es sich leisten kann, solch blöde Aussagen von sich zu geben?
Ms.
Tanner kennt sich - davon muß man allerdings ausgehen - im
Mormonismus natürlich ein wenig besser aus. Aber sogar da ist die
Arbeit, die sie und ihr Mann in den Jahrzehnten ihres
absonderlichen Berufes als professionelle
Antimormonenpropaganda-Produzenten, alles andere als zuverlässig.
Allein in den Druckschriften der "Foundation for Ancient Research
and Mormon Studies" (FARMS) sind folgende hieb- und stichfeste
Kritiken ihrer Schriften erschienen. Die beiden Tanners (und schon
gar nicht deren Anhänger) haben nie dagegen Stellung bezogen:
L.
Ara Norwood. Besprechung von Covering Up the Black Hole
in the Book of Mormon, von Jerald und Sandra Tanner. Review
of Books on the Book of Mormon 3 (1991), S. 158-169.
Matthew Roper. Besprechung von Covering Up the Black Hole
in the Book of Mormon, von Jerald und Sandra Tanner. Review
of Books on the Book of Mormon 3 (1991), S. 170-187.
John
A. Tvedtnes. Besprechung von Covering Up the Black Hole
in the Book of Mormon, von Jerald und Sandra Tanner. Review
of Books on the Book of Mormon 3 (1991), S. 188-230.
Matthew Roper. Besprechung von Mormonism: Shadow or
Reality? Von Jerald und Sandra Tanner. Review of Books on the Book
of Mormon 5 (1992), S. 169-215.
William J. Hamblin. Besprechung von Archaeology and the
Book of Mormon, von Jerald und Sandra Tanner. Review of Books on
the Book of Mormon 5 (1993)r S. 250-272.
Tom
Nibley. Besprechung von Covering Up the Black Hole in the
Book of Mormon, von Jerald und Sandra Tanner. Review of Books on
the Book of Mormon 5 (1993), S. 273-289.
Matthew Roper. "Comments on the Book of Mormon Witnesses: A
Response to Jerald and Sandra Tanner". Journal of Book of Mormon
Studies 2/2 (1993), S. 164-193.
Matthew Roper. Besprechung von Answering Mormon Scholars:
A Response to Criticism of the Book "Covering Up the Black Hole
in the Book of Mormon", von Jerald und Sandra Tanner, Review of
Books on the Book of Mormon 6/2 (1994), S. 156-203.
John
A. Tvedtnes. Besprechung von Answering Mormon Scholars: A
Response to Criticism of the Book "Covering Up the Black Hole
in the Book of Mormon, von Jerald und Sandra Tanner, Review of
Books on the Book of Mormon 6/2 (1994), S. 204-249.
John
A. Tevdtnes und Matthew Roper. Besprechung von "Joseph Smith's Use
of the Apocrypha", von Jerald und Sandra Tanner, FARMS Review of
Books 8/2 (1996), S. 326-372.
Matthew Roper. Besprechung von Answering Mormon Scholars:
A Response to Criticism Raised by Mormon Defenders von Jerald und
Sandra Tanner, FARMS Review of Books 9/1 (1997), S. 87-145.
Man
bedenke, daß es sich bei Sandra Tanner immerhin noch um eine
Vertreterin des verhältnismäßig vernünftigen
fundamentalistischen Antimormonismus handelt. Spinner wie Ed Decker
und Konsorten, die nicht einmal von Ms. Tanner ernst genommen
werden, mögen hier unerwähnt bleiben.3
Die verrückte Behauptung jedoch, daß die Heiligen der Letzten Tage
dem Hinduismus ebenso nahe stehen wie dem Christentum, könnte
direkt von Ed Decker stammen. Dies stimmt eigentlich auch, denn
Decker hat es wiederholt
behauptet.4
Uns drängt sich nun immer stärker die Frage auf: Gibt es
irgend einen protestantischen Kritiker der Kirche, der es verdient,
wirklich ernst genommen zu werden?
Als
ich zum ersten Mal von dem deutschen Religionswissenschaftler
Rüdiger Hauth hörte, der in seinem Buch Tempelkult und
Totentaufe die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten
Tage beschrieben hatte, war ich anfangs begeistert. Mir war
selbstverständlich klar, daß dieses Buch die Kirche von einem
skeptischen, ja negativen oder feindseligen Standpunkt aus
darstellen würde, wie dies schon der berühmte Eduard Meyer in
Ursprung und Geschichte der Mormonen getan hatte, dennoch
freute ich mich auf eine interessante Auseinandersetzung zwischen
Mormonismus und deutscher wissenschaftlicher Gelehrsamkeit. Dies
wäre eine erfrischende Abwechslung gewesen, denn irgendwann wird
jeder vom Durchforsten ausschließlich reinen Mülls müde.
Ich
habe Tempelkult und Totentaufe immer noch nicht in
die Hand bekommen. Meine Begeisterung ist auch beträchtlich
gesunken. Vor kurzem habe ich in Salzburg einen Vortrag gehalten
und wurde danach zusammen mit einigen anderen Kollegen von einem
aus Innsbruck stammenden Religionswissenschaftler in eine
freundschaftliche Diskussion über die Wiederherstellung verwickelt.
Im Verlaufe unserer Unterhaltung zeigte er uns ein Exemplar von
Rüdiger Hauths Buch Die Mormonen: Geheimreligion oder
christliche Kirche?, das er in Vorbereitung auf einen
Symposiumsvortrag über amerikanische Religionen las, den er wenige
Wochen später in Braunau halten sollte. Meine Neugier wurde
entfacht und so erwarb ich schon kurze Zeit später Hauths Buch.
(Interessanterweise ist der Untertitel Geheimreligion oder
christliche Kirche? nur mehr auf dem Titelblatt meiner Ausgabe
zu finden. Auf dem Umschlag der neueren Ausgabe lautet der
Untertitel Sekte oder neue Kirche Jesu Christi?5
Ich habe noch ein anderes, allgemeiner gehaltenes Buch von
Hauth gekauft, das Kleiner Sekten-Katechismus heißt
und das ich im folgenden gelegentlich zitieren werde.6
Rüdiger Hauth hat an der Universität der dänischen Stadt Aarhus
Theologie studiert und dort promoviert. Seit 1971 ist er
Beauftragter für Sekten und Weltanschauungsfragen der
(evangelischen) westfälischen Landeskirche. Wie bereits erwähnt,
hat er 1985 ein Buch verfaßt, das auf seiner Dissertation aufbauen
dürfte und das Tempelkult und Totentaufe heißt.
Beeindruckende Leistungen, oder? Meine Vorfreude auf das Buch
Die Mormonen wurde jedoch schon bald zur herben
Enttäuschung.
Irgendein Witzbold aus dem 19. Jahrhundert hat einmal über Richard
Wagner gesagt, daß seine Musik in Wirklichkeit nicht so übel sei,
wie sie sich anhöre. Kann sein, oder auch nicht. Aber Die
Mormonen und der Kleine Sekten-Katechismus haben
nichts zu bieten, aus dem auch nur im Geringsten hervorgehen
könnte, daß Rüdiger Hauths wissenschaftliche Arbeiten besser sind
als sie sich lesen.
Die Mormonen ist ein ausgesprochen seichtes Buch. Obwohl es im
großen und ganzen nicht so offensichtlich bösartig gehalten ist wie
die meisten anderen mormonenfeindlichen Schriften, stellt es
dennoch einen schamlos feindseligen Angriff auf den Glauben der
Heiligen der Letzten Tage dar. (Ich hätte allein durch die Tatsache
gewarnt sein sollen, daß es als Teil der Themenreihe "Sekten,
Sondergruppen und Weltanschauungen" erschienen ist, zu der auch der
Band Satanismus gehört.) So wie schon viele Mormonengegner
vor ihm, kreidet auch Rüdiger Hauth den Mormonen an, daß besondere
Glaubensinhalte der Mormonen, wie Tempel, Taufe für die
Verstorbenen, die Lehren vom ewigen Fortschritt und von der
Vielzahl von Göttern nicht Teil der ersten Missionarslektionen
sind. (S.10) Es scheint, als bestünde Hauths sich selbst auferlegte
Mission darin, dieses Versäumnis der Mormonen wiedergutzumachen.
Dennoch geht er auf obige Themen kaum ein und - wie noch zu sehen
sein wird streift sie vom Dogmatischen her nur oberflächlich.
Ja,
Hauth ist seicht, aber nicht subtil. "Kommt der kritische
Beobachter nicht zwangsläufig zu dem Schluß", stellt er auf Seite
125 die rhetorische Frage, "daß hier falsche Propheten in einer
falschen Religion ständig falsche Lehren verbreiten?" Hauths
Antagonismus offenbart sich manchmal auch in der Wahl seiner
Ausdrücke, so wie er z.B. den Begriff "Phantasien" zur Beschreibung
der Lehren von Führern der Mormonenkirche verwendet.(S. 58.) Das
Buch Mormon ordnet er in die Kategorie "Phantasie-Literatur"(S.172)
ein, und auf Seite 124 bezeichnet er einen bestimmten Teil des
Tempelgottesdienstes der Mormonen als "kuriosesten Gag".7
Es sind dies nicht
gelegentliche Geschmacklosigkeiten oder Entgleisungen, denn
dieselben respektlosen Formulierungen verwendet Hauth auch in
seinem Kleinen Sekten-Katechismus: "So verworren und
märchenhaft wie die Entstehungsgeschichte dieser 'Amerikanischen
Bibel' ist allerdings auch ihr Inhalt.“Das Buch Mormon,“ so Hauth,
ist lediglich ein "phantasievoller Abenteuerroman" und dessen
Handlung "frei erfunden".8
Hauth läßt sich jedoch nicht herab, dem Leser zu schildern, was er
denn am Buch Mormon so unaussprechlich absurd findet. Warum die
Schilderung des Buches Mormon vom Besuch Jesu Christi bei den
Nephiten "recht phantasievoll"(S.82) ist, während der
neutestamentliche Bericht der unbefleckten Empfängnis, der vielen
Wunder Christi und der Auferstehung dies nicht ist, bleibt
Hauth dem Leser in Die Mormonen schuldig. Dies hier ist -
wie noch zu sehen sein wird - nicht der einzige Fall, bei dem Hauth
mit zweierlei Maß mißt.
Hauths Feindseligkeit wird auch durch die Art und Weise offenbar,
in der er die gemeinen und historisch unanzweifelbaren Verfolgungen
der Heiligen der Letzten Tage im 19. Jahrhundert beschreibt,
beziehungsweise einfach darüber hinweggeht. So beschreibt er zum
Beispiel die vom Pöbel ausgelösten Umsiedlungen der Mormonen immer
weiter in den Westen, ohne dabei die Schuld des Pöbels daran zu
erwähnen oder dessen Taten als bedauerlich zu empfinden: "Vom
Frühjahr 1831 an verlagerten sich die Aktivitäten der Mormonen in
weiteren Etappen weiter nach Westen." (S. 25.) Statt dessen erklärt
er ganz vorsichtig, daß die seltsamen Lehren und Praktiken der
Mormonen es den anderen Christen immer unmöglicher machten, die
Mormonen zu akzeptieren, was zu "ständigen Unruhen und feindlichen
Begegnungen mit Nicht-Mormonen und staatlichen Behörden führte,“
wofür Hauth allein den Mormonen die Schuld zuweist. Seine Kritik,
gilt ausschließlich den Heiligen der Letzten Tage, die sich
angeblich weigern, die Schuld an ihrer gewaltvollen
Kirchengeschichte auf sich zu nehmen.(S.25, 26.) Die Lehre der
Mormonenkirche, so beschwert Hauth sich auf Seite 161, weiche
"völlig vom christlichen 'common sense' ab. Diese Diskrepanz wurde
und werde immer wieder aufs neue von Christen als "höchst
provozierend" empfunden. Also sind doch wieder die Mormonen schuld!
Ihre Lehre ist irritierend. Ihre bloße Existenz ist den Mitmenschen
ein Stein des Anstoßes. Demgemäß gebührt den Mormonen ohnehin das,
was sie bekommen.
Hauth legt es offensichtlich nicht darauf an, den Dialog zwischen
den verschiedenen Kirchen positiver zu gestalten, als er dies heute
ohnehin schon ist, und daher
verteidigt er seine eigene aggressive Polemik gegen jeden, dem ein
wenig mehr Nächstenliebe gelegen kommen würde. Im Kleinen
Sekten-Katechismus lobt er z.B. einen gewissen Pastor Günther
Siedenschnur (offensichtlich ein Vorgänger Hauths auf dem Feld der
hauptberuflichen Beleidigung kleinerer Kirchen): "Ihm ist auch zu
danken, daß er den Begriff 'Sekte' als Unterscheidungsmerkmal im
Gegenüber von eindeutig sektiererischen Gruppen und christlicher
Gemeinde konsequent beibehalten hat, auch wenn von verschiedenen
Seiten immer wieder gefordert wird, diesen 'diffamierenden'
Terminus abzulegen und zu überwinden.9
(Dem Beobachter der amerikanischen Antimormonen-Szene fällt
dabei die offensichtliche Ähnlichkeit mit Personen wie Kurt Van
Gorden, Ed Decker, Robert Morey und deren ähnlichlautendes Lob auf
den verstorbenen "Dr." Walter Martin auf.)
Das
Hauptthema seines Buches, so Hauth, besteht in der Klärung der
Frage, ob die Mormonen eine christliche Kirche oder eine
Geheimreligion sind. Die Antwort darauf möchte ich dem Leser nicht
vorenthalten:
"Der
Mormonismus ist eine in Amerika entstandene, nicht-christliche
Mischreligion, zu deren Kernstück ein in Tempeln vollzogener
geheimer Kult gehört."(S.186). Hauth bietet außer seinen eigenen
Behauptungen keinerlei Beweis oder Begründung dafür an und
beschreibt den Mormonismus als eklektischen und chaotischen
Mischmasch mit "patriotisch-amerikanischen Zügen, neuoffenbarerisch,
alt jüdisch, gnostisch, "Science-fiction/Fantasy" (Hauth verwendet
die englischen Begriffe), esoterisch, freimauererisch,
okkult-magisch"(S.186, 187). (Das Christentum fehlt in seiner
Liste, denn es hat ganz offensichtlich nicht das Geringste zum
Mormonismus beigetragen!) Obwohl es stimmt, daß Hauth den Begriff "synkretistisch"
selbst nicht verwendet, so ist es dennoch klar, daß er durch seine
Behauptungen den Mormonen Synkretismus unterstellt. (Gerhard
Wahrigs Deutsches Wörterbuch definiert "Synkretismus" als
"Verschmelzung mehrerer Religionen, verschiedener Auffassungen,
Standpunkte usw.")10
In diesem Zusammenhang sei auf das Zitat des bekannten
französischen Orientalisten Henri Corbin hingewiesen, der schreibt:
"Die Verwendung des praktischen Begriffes "Synkretismus" ist durch
nichts zu rechtfertigen. Er wird nur allzu gerne dazu verwendet,
irgendeine Lehre in Mißkredit zu bringen oder die
Ungeschicklichkeit eines latenten Dogmatismus zu verhüllen."11
Wäre Corbin nicht 1978 verstorben, so könnte man glauben, er habe
mit seiner Aussage Rüdiger Hauth gemeint. "Joseph Smith", so
schreibt Hauth, "scheint wie ein trockener Schwamm alles aufgesaugt
zu haben, was ihm zum Ausbau seines neuen Glaubenssystems
interessant und nützlich erschien." (S.188.) Daher, so entscheidet
Hauth, muß der Selbsteinschätzung der Heiligen der Letzten Tage als
Christen "aus biblisch-christlicher Sicht energisch widersprochen"
werden(S.186).
Als
Rechtfertigung seiner Feindseligkeit und um in anderen eben dieses
Gefühl wachzurufen, fährt Hauth mit einem ziemlichen Stapel an
angeblichen Beweisen gegen die Heiligen der Letzten Tage auf.
Leider ist seine Beweisführung sehr oft rein rhetorischer Art,
verdreht oder sogar künstlich fabriziert. So verwendet Hauth z. B.
die Anführungszeichen äußerst freizügig. In seinem Kleinen
Sekten-Katechismus behauptet er beispielsweise, daß bei Sekten
üblicherweise ein Kritikverbot bestehe:
"Es
läßt sich wohl kaum eine Sekte nennen, die ihren Anhängern die
Möglichkeit einräumt, an Lehre, Organisation oder Führern
irgendwelche Kritik zu üben. Gemäß dem Selbstverständnis als 'wahre
Heilsgemeinde' kann Kritik konsequenterweise nur unter negativen
Vorzeichen gesehen werden. Mormonen etwa bezeichnen Kritiker aus
den eigenen Reihen als 'Bäume mit faulen Stellen, die eines Tages
ganz morsch werden und umfallen, wenn sie die Kritik nicht
aufgeben. Sektenmitgliedschaft muß also zum großen Teil mit
geistiger Unterwerfung, d.h. mit der Aufgabe der individuellen
Freiheit des Denkens erkauft werden."12
Ja,
das ist natürlich schlimm, und viele Gegner der Kirche Jesu Christi
der Heiligen der Letzten Tage würden dem mit Begeisterung
zustimmen. Sogar evangelisierende und fundamentalistische
Protestanten haben in den vergangenen Jahren begonnen, Behauptungen
freidenkerischer Kritiker des Mormonismus zuzustimmen, daß es den
Heiligen der Letzten Tage an intellektueller Freiheit mangele. Man
kann sich aber trotzdem nur schwer vorstellen, daß diesen
Freidenkern die Priesterseminare und Privatuniversitäten der
Protestanten lieber wären, in denen u.a. die Unfehlbarkeit der
Bibel gelehrt wird. Ich kann mir auch kaum vorstellen, daß ein
Geistlicher, der das Gottestum Christi leugnet, der für die
Homosexualität ist, der nicht
an die vier Evangelien als buchstäblichen Bericht des Wirkens Jesu,
noch an ein Leben nach dem Tod oder an das Jüngste Gericht glaubt -
daß so jemand lange seinen Posten als Geistlicher innerhalb der
"Southern Baptist Convention" behalten würde, und zurecht. Jede
Kirche hat sowohl das Recht als auch die Pflicht, Dingen dieser Art
Einhalt zu gebieten.
Ich
will diese Frage hier nicht weiter behandeln, möchte aber noch
folgendes dazu sagen: Ich kenne die Kirche seit vielen Jahren, ich
kenne sie auf vier verschiedenen Kontinenten und ich habe jahrelang
an der Kirchenuniversität "Brigham Young University" unterrichtet.
Ich weiß, daß die Behauptung einer nicht vorhandenen
Meinungsfreiheit eine Irreführung und grundsätzlich völlig falsch
ist. Ich persönlich finde die Botschaft der Wiederherstellung
intellektuell belebend.13
Abgesehen davon ist Hauths Ablehnung der Heiligen der Letzten Tage
und anderer, einfach der Widerhall eines Vorwurfes, der gläubigen
Menschen schon immer von sogenannten "Freidenkern" gemacht wurde.
Bereits die Urchristen mußten sich diesen Vorwurf gefallen lassen.14
Hauths Vorwürfe sind wunderbar ironisch - ist er doch der
offizielle Sprecher einer deutschen Staatskirche. Man beachte, daß
Hauth alle Sekten kategorisch ablehnt, jedoch nur Anschuldigungen
gegen die Heiligen der Letzten Tage vorbringt. Und woher, bitte,
stammt sein oben zitierter HLT- Ausspruch? (Ich habe ihn jedenfalls
noch nie gehört.) Also woher stammt er? Der gesamte Absatz
beinhaltet keine einzige Fußnote oder Quellenangabe. Es gibt keine
wirklichen Beweise für seine negative Darstellung der Heiligen der
Letzten Tage in diesem Zusammenhang, geschweige denn für sein
Pauschalurteil über die vielen verschiedenen religiösen und
ideologischen Bewegungen, die er unter der trügerischen Einteilung
"Sekten" künstlich zusammenwürfelt.
Abgesehen davon - wie überzeugend ist es, die Heiligen der Letzten
Tage als hirnlose Automaten zu bezeichnen, wo doch so viele
Mormonen bekannte Wirtschaftsfachleute und Diplomaten, hochrangige
Regierungsbeamte, Bildungsfachleute, Ärzte, Natur- und
Geisteswissenschaftler sind?15
Die prominente Stellung vieler Heiliger der Letzten Tage in der
amerikanischen Wirtschaft ist allgemein bekannt. Was das
Universitätswesen anbelangt, so waren Mormonen Rektoren der
University of California, der Ohio State University sowie der
Harvard Business School, um nur einige zu nennen. Es hat einen
amerikanischen Unterrichtsminister gegeben, der Mormone war. Auch
viele Regierungsämter, Richterämter und andere hochrangige
Vewaltungsposten, Gouverneursposten usw. waren bzw. sind von
Mormonen besetzt. In vielen Ländern außerhalb der USA verhält es
sich ähnlich. Ist Hauths im Grund völlig unbewiesene Beschreibung
der Heiligen der Letzten Tage als hirnlose Automaten angesichts
solcher Tatsachen wirklich glaubwürdig? Verlangt eine derartig
ernste und beleidigende Behauptung nicht nach Beweisen? Wenigstens
nach einem winzig kleinen Beweis? Die weltweit zehn Millionen
Heiligen der Letzten Tage leben auf allen Kontinenten der Welt und
sind auf jeder gesellschaftlichen, finanziellen und bildungsmäßigen
Stufe vertreten. Sie pflegen ständigen gesellschaftlichen Kontakt
mit Nicht-Mormonen. Sind sie in ihrer Hauthschen Beschreibung
soziologisch von einer fünfzigköpfigen Weltuntergangskommune in den
Bergen nicht zu unterscheiden?
Hauth mißbraucht die Anführungszeichen auch in einer
Kapitelüberschrift seines Kleinen Sekten-Katechismus, wo
er das „'allmächtige'
mormonische Priestertum erwähnt.16
Natürlich stimmt es, daß die Mormonen daran glauben, daß das ihnen
auf Erden gegebene Priestertum der Macht verwandt ist, durch die
Gott die Welten geschaffen hat. Und natürlich sprechen sie
gelegentlich über einen "allmächtigen Gott". Aber welcher Heilige
der Letzten Tage hat das Priestertum jemals in schriftlicher Form
als "allmächtig" bezeichnet? Und was könnte er damit gemeint haben?
Es läßt sich nicht eruieren, weil Hauth wiederum keine Quelle
angibt.
Hauth scheint Anführungszeichen hauptsächlich als typographisches
Äquivalent des Augenzwinkens, Feixens oder verächtlichen Schnaubens
zu verwenden, und zwar noch viel lieber, als sich die Mühe zu
machen, wenigstens Pseudobeweise zu fabrizieren. Daher bezeichnet
er den Urim und Thummim immer wieder abschätzig als
"Prophetenbrille" und verwendet obwohl dies in keiner HLT-Quelle
verwendet wird (wenigstens ist mir keine bekannt) dabei
Anführungszeichen.17
Auf Seite 54 und 108 in Die Mormonen verwendet Hauth den
Begriff "Tempelmormonen" (in Anführungszeichen), so als ob dies ein
gängiger Begriff unter den Mormonen wäre.18
Dieses Wort dürfte meiner Einschätzung nach eine Erfindung der
Anti-Mormonenpropaganda sein. Die Heiligen der Letzten Tage
verwenden ihn jedenfalls nicht.
Auf
Seite 65 erklärt Hauth, daß die Erste Präsidentschaft und der Rat
der Zwölf Apostel von den Mormonen als "The Big Fifteen" bezeichnet
werden. Nicht nur, daß er diesen Ausdruck in Anführungszeichen
stellt, sondern er erwähnt ihn auch in einem scheinbar
authentischen englischen Original. Ich möchte eine einzige Quelle
dafür sehen! Wenn dieser Ausdruck angeblich unter den Heiligen der
Letzten Tage gang und gäbe ist, dann müßte Hauth eigentlich
wenigstens einen einzigen Heiligen der Letzten Tage namentlich
nennen, der dies tut und besser noch den Leser an eine schriftliche
Quelle verweisen. (Obiges Hauth-Zitat ist ein Musterbeispiel an
wissenschaftlicher Feldarbeit! Auf der Rückseite seines Kleinen
Sekten-Katechismus steht zu lesen, daß Hauth im Verlaufe seiner
Forschungstätigkeit unter anderen exotischen Örtlichkeiten, auch
die Vereinigten Staaten bereist hat. Mir bleibt nur zu hoffen, daß
der Scherzbold, der den gutgläubigen Dr. Hauth mit dem witzigen
Ausdruck "The Big Fifteen" versorgt hat, dies. auch in gedruckter
Fassung zu sehen bekommt!)
Immer und immer wieder schreibt Hauth in Die Mormonen,
daß die Heiligen der Letzten Tage nicht Gott, sondern
"Gott" verehren. Sie haben auch keine Theologen, sondern
"Theologen". Ihre Zeremonien sind nicht heilig, sondern nur
"heilig". Sie glauben an den "Heiligen Geist", an "Verwandlung",
"Offenbarung", "Propheten", "Apostel", "Bischöfe", "Siegelungen"
und an irgendein "Evangelium". Sie haben "Apologeten" und
praktizieren lediglich "Taufen", durch die sie nicht Mitglieder
einer echten Kirche, sondern nur einer "Kirche" werden und von
alledem erwarten sich diese dummen Tröpfe auch noch "Segnungen"!
Die Absicht, die hinter diesen Anführungszeichen steckt, ist die,
Hauths Distanzierung von den angeblich so absurden Behauptungen der
Mormonen hervorzuheben. Andererseits ist Hauths Methode aber
erniedrigend und gleicht auf Dauer der chinesischen Wasserfolter -
sie ist ermüdend und macht kolossal böse!19
(Im Gegensatz zur chinesischen Wasserfolter wird dem Opfer
hier jedoch kein langfristiger Schaden zugefügt.)
Das
empörendste Beispiel der Hauthschen Anführungszeichen ist jedoch
seine Beschreibung der früheren Richtlinie der Kirche, Neger nicht
zum Priestertum zu ordinieren. Dabei zitiert er Seite 527 der
englischsprachigen Ausgabe von Bruce R. McConkies Buch Mormon
Doctrine (Ausg. v. 1966) in seiner eigenen (Hauthschen)
Übersetzung folgendermaßen: „Die Evangeliumsbotschaft von der
Erlösung gilt ihnen nicht."(S.42.) Wie bitte? Hier behauptet Elder
McConkie also angeblich, daß alle Schwarzen letztendlich verdammt
sind, daß sie Gott gleichgültig sind und ihnen niemals Hoffnung auf
Errettung zuteil werden kann. Was steht nun wirklich im englischen
Original? Schlägt man die entsprechende Seite der englischen
Ausgabe von 1966 auf, die von Hauth
angeblich zitiert wurde, so
findet man etwas gänzlich anderes: „The gospel message of salvation
is not carried affirmatively to them." Hier wird nicht im
geringsten behauptet, daß das Evangelium und das Sühnopfer für
Schwarze keine errettende Macht besitze, sondern es wird lediglich
gesagt, was 1966 eben so war: Die Missionare der Kirche haben
Personen schwarzafrikanischer Abstammung nicht explizit zwecks
Bekehrung aufgesucht. Hauths falsche Wiedergabe dieses Zitats ist
eine völlige Ummodelung des ursprünglichen Satzes, von einer
einfachen, auf damalige Verhältnisse zugeschnittenen Beschreibung
früherer Kirchenpraxis in eine abschreckende theologische
Vorschrift (und Verurteilung). Man kann dies aber nicht einfach nur
als Hauthsche Fehlübersetzung übergehen, denn Hauth hat dieses
Zitat auch brutal aus seinem sinngebenden Zusammenhang gerissen. In
der Originalausgabe von Mormon Doctrine, die in
Die Mormonen angeblich ja zitiert wird, liest sich der gesamte
Absatz folgendermaßen:
The
gospel message of salvation is not carried affirmatively to them
(Moses 7:8,12,22), although sometimes negroes search out the truth,
join the church, and become by righteous living heirs of the
celestial kingdom of heaven. President Brigham Young and others
have taught that in the future eternity worthy and qualified
negroes will receive the priesthood and every gospel blessing
available to any man.20
Kleine, aber wesentliche wichtige Verdrehungen der HLT-Lehre,
machen die Wiederherstellung der Kirche immer wieder zu einem
leichten Ziel Hauthscher Kritik.21
Seine Behauptung, daß die Kirchenlehre der Heiligen der Letzten
Tage eine Amerikanisierung der Heilsgeschichte der Welt sei, ist
bestenfalls eine drastische Übervereinfachung(S. 81, 186, 187).
Qualifiziertere Wissenschaftler als Rüdiger Hauth haben die
Ursprünge und die Anziehungskraft des Mormonismus in dem
angeblichen amerikanischen Streben nach religiöser Untermauerung
der Geschichte ihres Kontinents gesehen. Ebenso trifft aber auch
zu, daß es ihnen nicht gelungen ist, die bemerkenswerte
Anziehungskraft der Wiederherstellung auf die Europäer des 19.
Jahrhunderts zu erklären oder wenigstens nur wahrzunehmen. (In der
HLT-Kirchengeschichte hat es eine Zeit gegeben, in der vermutlich
mehr Mormonen in Großbritannien als in Utah gelebt haben.) All dies
erinnert stark an die einst recht moderne und gleichermaßen
vereinfachende Theorie, in der der Monotheismus des Islam so
erklärt wurde, daß Mohammed eben ein einfach denkender Beduine
gewesen sei, der sich seine Theorien in der sonnendurchglühten
Einfachheit der weiten, leeren arabischen Wüste zusammengesponnen
habe. Leider war Mohammed erstens kein Beduine, zweitens haben sich
die echten Beduinen seit jeher gegen die Bekehrung zum Islam
gewehrt, drittens wurde der Koran in urbanen Verhältnissen
offenbart (was unter den damals vorherrschenden Verhältnissen in
Arabien eben als urban bezeichnet werden konnte), und viertens ist
der Koran, im Gegensatz zu den von der Wüstensonne und der weiten
Einsamkeit der Wüste so faszinierten nordeuropäischen Orientalisten
voll von Begriffen und Sprachbildern aus dem Handelswesen. Daher
haben Islam-Forscher obige Theorie schon längst aufgegeben. Man
fragt sich wirklich, wie lange Leute wie Rüdiger Hauth noch
brauchen werden, um ihre ebenso vereinfachten Theorien an den Nagel
zu hängen. Ich jedenfalls stelle mich auf eine längere Wartezeit
ein.
Hauth versucht auch, die
Kirchenlehre der Heiligen der Letzten Tage abzuändern, indem er
folgendes behauptet: "Im Gegensatz zu den Mormonen vertrat Paulus
die Ansicht, daß Fleisch und Blut nicht das Reich Gottes ererben
werden."(S. 56.) Um diesen angeblichen Widerspruch real werden zu
lassen, muß dem Leser glaubhaft gemacht werden, daß die Mormonen
tatsächlich glauben, daß ausschließlich "Fleisch und Blut" das
Reich Gottes ererben. Selbstverständlich jedoch kennen die Mormonen
die Schriftstelle 1. Korinther 15:20 und haben nie etwas
Gegenteiliges gelehrt. Hauth kämpft hier gegen einen Strohmann.
Auch eine weitere Hauthsche Schilderung einer HLT-Lehre, und zwar
die vom Zweiten Kommen Jesu Christi und dem Anfang des
Millenniums(S.82) würde auf den Leser weniger befremdlich wirken
(und Hauth daher nicht nützlich sein), wenn sich Hauth die Mühe
gemacht hätte zu erwähnen, daß diese Lehre ihren Ursprung im
alttestamentlichen Buch Daniel hat. Sein künstlich fabrizierter,
angeblicher Widerspruch zwischen der christlichen Lehre, daß der
Mensch allein durch, Christus errettet wird und der
Behauptung der Mormonen andererseits, daß die Tempelverordnungen
von Gott eingeführt und eine von Gott geforderte Notwendigkeit
seien (S. 96), führt den Leser zu der irrigen Schlußfolgerung, daß
die Heiligen der Letzten Tage daran glauben, die Tempelverordnungen
seien auch ohne Christus und dessen Sühnopfer wirksam. Dies ist
eine völlig falsche Darstellung.
Hauths Zusammenfassung auf Seite 60 ("Was die Mormonen von Christus
denken") ist eine grobe Entstellung der Lehre der Kirche. Der
Glaube der Mormonen an die vier neutestamentlichen Evangelien wird
beinahe übergangen und einzelne, für die Mormonenkirche typische
Lehren überdeutlich hervorgehoben, wodurch man sie, indem man sie
eines Zusammenhangs enthebt, so seltsam wie möglich erscheinen
lassen will. Genauso verfährt Hauth in seiner Beschreibung des
Abendmahls (der Kommunion)(S.72, 73.) Auf diese Weise läßt Hauth
die gemeinsame theologische Basis der Mormonen mit anderen
christlichen Kirchen zusammenschrumpfen und vergrößert dadurch
gleichzeitig die Bedeutung jener Aspekte, in der sich die Mormonen
von anderen unterscheiden. (Dies ist wohl die beliebteste und
jedenfalls praktischste aller polemischen Taktiken, die
routinemäßig von Anti-Mormonenpropagandisten verwendet wird.)
Hauths Logik ist sehr oft trügerisch. Seine vereinfachte
Unvereinbarkeitsdarstellung von Mormonen und Christen (vgl. S.
125-128, 134, 142, 148, 150, 160, 185) ist schlechthin Hauptthema
der mormonenfeindlichen Literatur.22
Hauth befindet sich jedoch im Irrtum, wenn er meint, daß etwas, was
nicht "als eine im im ökumenischen Kontext anerkannte 'Variante'
eines christlichen Glaubenselements gelten kann" als "unchristlich"
eingestuft werden muß(S.148), oder daß alles, was sich vom
"ökumenischen Christentum" unterscheidet, allein aufgrund dieser
Tatsache "nicht-christlich" ist (S.160).23
Diese These muß erst einmal bewiesen werden, denn sie ist
keineswegs selbstverständlich. Außerdem gibt es ja nicht nur diese
beiden Standpunkte. Sie sind keineswegs erschöpfend es sei denn,
man gesteht dem heutigen ökumenischen Christentum die Unfehlbarkeit
zu, was weder durch die Heilige Schrift, durch Tradition, noch
durch Vernunft untermauerbar wäre.
Hauth versucht, die Behauptung der Heiligen der Letzten Tage, daß
es einen Abfall von der Urkirche gegeben hat, zu widerlegen, indem
er bestreitet, daß es je eine Urkirche gegeben hat, die hätte
verfälscht werden können. Seine Argumentationsweise ist äußerst
informativ:
"Aus
der urchristlichen Verkündigung geht jedenfalls mit keinem Wort
hervor, daß Jesus expressis verbis eine 'Kirche' im heutigen Sinn
gewollt oder sogar gegründet hatte. Die singuläre 'ekklesiologische'
Aussage von Matthäus 16,18 f. kann, nach Meinung vieler
Neutestamentler, nicht mit absoluter Sicherheit auf Jesus selbst
zurückgeführt werden, da dieser als Verkündiger des angebrochenen
Gottesreiches wohl nicht mit einer verfaßten 'Kirche'gerechnet
habe. Von einer solchen kann erst viel später gesprochen werden,
nachdem sich verschiedene Gemeinde- und Ämterstrukturen
herausgebildet hatten." (S. 164.)
Dies
ist eine hochgradig interessante Art der Beweisführung. Man
beachte, daß Hauth keinerlei Beweise dafür anbietet, sondern nur
die Schlußfolgerung "vieler" moderner (selbstverständlich liberaler
evangelischer) Religionswissenschaftler, die zu wissen vorgeben,
was Jesus Christus im Sinn gehabt haben könnte und was nicht. Hauth
muß natürlich zwecks Stützung seiner These das störende Beweisstück
aus dem Verkehr ziehen, das seine Behauptungen ungültig machen
könnte, und daher schließt er Matthäus 16:18 von vornherein aus
seinen Überlegungen aus. (Dadurch stellt er auch indirekt seine
Stelle als Angestellter der Evangelischen Kirche und sogar die
gesamte Evangelische Kirche in Frage, deren Existenz offensichtlich
nicht in Einklang mit den Absichten Jesu steht.) Obwohl die
Hauthsche These auf einem Netz von Annahmen und Voraussetzungen
basiert und er Beweise, die seine These torpedieren, "nach Meinung
vieler [namentlich nicht genannter] Neutestamentler" nicht "mit
absoluter Sicherheit" zu akzeptieren sind, lehnt er dennoch die
Ansichten der Heiligen der Letzten Tage ab, so als ob die seinigen
hundertprozentig gesichert wären: "Wenn es nun eine von Jesus
gegründete 'Ur-Kirche', wie die Mormonen sie behaupten, nicht
gegeben hat, kann sie logischerweise von Joseph Smith auch nicht
"wiederhergestellt" worden sein."(S.164).
Ich
hoffe, daß außer mir auch andere Leser von solcher Logik schwer
beeindruckt sind. Bei den wenigen Gelegenheiten (wie soeben), bei
denen Hauth wissenschaftliche Quellen anführt, tut er dies auf
völlig unüberzeugende Art und Weise. Lassen wir einmal alle
Statistiken beiseite und nehmen wir theoretisch an, daß neunzig
Prozent aller Neutestamentler zu neunzig Prozent davon überzeugt
sind, daß es sich bei Matthäus 16:18 um kein echtes Jesus-Zitat
handele. Mit Hilfe einer einfachen Berechnung dieser extrem
überhöhten Werte bekommt man in dieser Frage eine 81-prozentige
Übereinstimmung aller Wissenschaftler. Da bleibt immer noch jede
Menge Spielraum für Zweifel übrig. Abgesehen davon kann uns
angesichts mangelnder Beweise oder überzeugender Argumentation eine
angebliche "Einigkeit der Wissenschaft" nicht völlig gleichgültig
sein? Beweisführung durch Sich-Stützen auf Ansichten angeblicher
Fachleute ist die schlechteste Art der Beweisführung überhaupt.
Dennoch verwendet Hauth sie wiederholt. Zum Beispiel lehnt er den
Glauben der Mormonen an Offenbarung hauptsächlich deswegen ab, weil
er den Ansichten des verstorbenen Schweizer Theologen Karl Barth,
sowie mehrerer zeitgenössischer evangelischer Denker widerspricht
(S.166-169).24
Da würde sich sogar einem Schweiz-Liebhaber und Bewunderer des
genialen Karl Barth die Frage "Na, und?" stellen. Auch in seinem
Kleinen Sekten-Katechismus versucht Hauth, die HLT-Lehre
der Gottwerdung des Menschen durch reine Mutmaßungen zu widerlegen,
die zum einen Teil auf ein Barth-Zitat, zum anderen aber auf die
Ablehnung von 2. Petrus 1:4 als "hellenistisch" gegründet sind.25
Wiederum würde man sich eine echte Argumentation und Analyse
wünschen anstatt bloßer dogmatischer Behauptungen.
Hauth gibt die neutestamentliche Lehre mehr oder weniger richtig
wieder, die da lautet, daß es in der Auferstehung weder ein
Heiraten noch ein Verheiratetwerden gibt (S.154). Er kommt aber zu
dem Trugschluß, daß es im kommenden Leben kein Verheiratetsein
geben wird. Seiner Schlußfolgerung liegen keinerlei Beweise
zugrunde. Genauso unlogisch wäre es zu behaupten, daß in ein
Gebäude, in dem keine Eheschließungen vollzogen werden (wie z.B. in
einem Physiklabor oder in einem Automobilwerk) keine verheirateten
Personen eingelassen werden.
Im
Großteil der Fälle bietet Hauth überhaupt keine Beweisführung an,
nicht einmal eine schlechte. Seine Lieblingsmethode des Angriffs
besteht nämlich einzig und allein aus seinen eigenen Behauptungen
als Verfasser. Seine Wiedergabe der biblischen Gottesbeschreibung
als "einzig, ewig und geistig"(S.58) entspricht zwar der gängigen
christlichen Lehre, bedürfte aber dennoch der Erörterung und
Untermauerung, anstatt lediglich dogmatischer Behauptungen, wie
dies in seinem selbstgefälligen Hinweis auf die "christliche Lehre
von der Trinität"(S.63) geschieht.26
Wenn Hauth behauptet, daß die Mormonen den Hauptteil ihrer Lehre
der "Britisch-Israel-Bewegung" entnommen hätten (S.85), so könnte
er wenigstens mit einigen Beweisen und Erklärungen daherkommen.
Abgesehen davon ist Hauths so selbstverständliche Annahme einer
Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo) als
Kernlehre der Bibel gelinde ausgedrückt äußerst strittig. Die
kompetentesten Wissenschaftler, die sich mit dieser Frage
auseinandergesetzt haben (sie stammen großteils aus dem deutschen
Raum), ordnen die Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts der Zeit
nach Abschluß des neutestamentlichen Kanons zu.27
Und wenn Hauth in seinem Kleinen Sekten-Katechismus
behauptet: "Für Christen kann und darf es neben der Bibel keine
anderen 'heiligen Schriften' geben", so verlangt es den kritischen
Leser nach Beweisen und nicht nach dogmatischem Gerede.28
Oder muß man davon ausgehen, daß die nachreformatorische,
protestantische Verherrlichung der Bibel als "alleinige Richtschnur
des Glaubens (sola scriptura)"29
irgendein Kantsches Apriori ist, das in strahlenden Schriftzügen in
den Himmel geschrieben und nur für Rüdiger Hauth, aber nicht für
Mormonen zu sehen ist?
Hauth behauptet wiederholt, und zwar ohne jede Erörterung oder
Beweisführung, daß diese und andere HLT-Lehren und Praktiken als
"unchristlich" einzustufen sind (siehe z.B. S.120, 186), obwohl er
sich nicht im geringsten bemüht hat, den Begriff "Christentum" zu
definieren, geschweige denn zu erklären, aufgrund welcher Tatsachen
oder welcher Vollmacht er dies überhaupt tut. (Die einfache
Behauptung, so wie dies auf Seite 121 geschieht, daß die Lehren und
heiligen Handlungen der Heiligen der Letzten Tage keinen Rückhalt
in der "allgemeinen christlichen Praxis" haben [dem würden
HLT-Religionswissenschaftler allerdings zustimmen] hat nicht
logischerweise zu bedeuten, daß solche Lehren oder Praktiken
unchristlich sind. Genausowenig dürfte man behaupten, daß Zwillinge
keine Menschen sind, nur weil Zwillingsgeburten nicht der Norm
menschlicher Geburten entsprechen, was bekannterweise ja zutrifft.
Ebenso verwendet Hauth Übertreibungen, die Merkmal eines Polemikers
aber nicht eines echten Wissenschaftlers sind. "Spätestens hier muß
jedem Christen deutlich geworden sein", sagt Hauth, "daß der von
den Mormonen propagierte 'Gott', auch wenn Smith ihm
unberechtigterweise eine biblische Bezeichnung beilegte, mit dem
wahren Gott der Bibel nichts zu tun hat." (S.124.) Nichts? Haben
der Gott der Heiligen der Letzten Tage und der Gott der deutschen
Protestanten nicht dieselbe biblische Geschichte? Hat er nicht auch
Himmel und Erde erschaffen, Adam und Eva in den Garten gestellt,
die Flut geschickt, Noach und Abraham, Mose und Jesaja berufen, das
Volk Israel gezüchtigt, gestraft und gesammelt, seinen Sohn als
Erretter der Menschheit auf die Erde gesandt? Ist der Gott, an den
die Heiligen der Letzten Tage glauben, nicht barmherzig, gerecht
und liebevoll? Hört und beantwortet er keine Gebete? Hat er uns
nicht versprochen, uns aus dem Grab zu erheben und uns die
Möglichkeit geboten, auf ewig in seiner Gegenwart zu leben? Mit
solchen Aussprüchen begibt sich Rüdiger Hauth wahrhaft auf das
Niveau einer Sandra Tanner oder eines Robert McKay.
Ich
habe Hauths offensichtliche Doppelmoral bereits angesprochen. Sie
offenbart sich nur zu gut in seiner Wiedergabe der Geschichte des
jungen Joseph Smith und seiner Familie, die, gelinde ausgedrückt,
in der Hauthschen Fassung wirklich nicht dazu geeignet ist, das
Vertrauen des Lesers in Joseph Smiths Behauptungen zu wecken.30
Im Anklang an althergebrachte mormonenfeindliche Beleidigungen
behauptet Hauth, daß Joseph Smith die "Neigung zu Irrationalität"
von seiner Mutter Lucy Mack Smith geerbt habe (S.11).31
Es scheint, als müßte man von der Tatsache, daß die Familie Smith
gelegentlich Kundgebungen vom Himmel (u. a. wichtige Träume) zu
empfangen behauptet hat, den Schluß ziehen, daß sie alle
abergläubisch waren. Hauth gibt als evangelischer Theologe aber
keinen Hinweis darauf, was er von der Familie Jesu hält, denen man
ebenfalls kollektiven Aberglauben nachsagen müßte: Josef und Maria,
Zacharias und Elisabeth, ganz zu schweigen von Cousin Johannes! Und
wieviele Visionen und Offenbarungen hat Apostel Paulus gehabt? War
er auch "abergläubisch" und "irrational"? Wie verhält es sich mit
den dezidiert "schrägen" Offenbarungen des Johannes? Was hält Hauth
davon, daß Martin Luther sich im Bett mit dem Teufel zu unterhalten
pflegte und sich vorstellte, wie der Satan Nüsse gegen die
Zimmerdecke schoß und Holzfässer die Treppen der Wartburg
hinunterrollte?32
Wenn man die religiösen Erlebnisse des durchschnittlichen
akademischen Theologen als Maßstab dafür heranziehen müßte, was
kirchlicherseits genehmigt wird, welcher Teil der Bibel (oder -
sei's drum - welcher Teil der Geschichte des Christentums) wird
dann überleben?
Hauths zweierlei Maß tritt auch auf Seite 124 zutage, wo er jenen
Teil der Tempelzeremonie der Mormonen als falsch bezeichnet, in der
angeblich gelehrt wird, daß Gott unwissend sei. Dies ist genau der
gleiche Einwand, der von den Gnostikern in dem offensichtlichen
Parallelfall Genesis 3:9-13 gemacht wurde.33
Ein
weiterer Punkt, der Hauths Doppelmoral und seine unüberlegten
Mutmaßungen zutage bringt, ist die Behauptung, daß etwas, was
geheim ist, nicht christlich sein kann, und daß alles, was
christlich ist, nicht geheim sein kann. Hauth liefert keine Beweise
dafür, sondern bezeichnet dies als ganz und gar offensichtlich.34
Daher auch der neue Untertitel des Buches Die Mormonen:
Geheimreligion oder christliche Kirche? Es ist aber keinesfalls
selbstverständlich, daß eine christliche Kirche keine Lehren oder
Praktiken pflegen darf, die nicht in aller Öffentlichkeit vollzogen
werden.
Viele verschiedene christliche Gemeinschaften behaupteten,
Geheimlehren zu besitzen.35
Wie interpretiert Hauth denn das Sich-Rühmen des Paulus, der in 2.
Korinther 12:1-4 über einen Diener Christi spricht (von dem die
meisten Bibelkommentatoren meinen, es handle sich um Paulus
selbst), der "bis in den dritten Himmel entrückt wurde", wo er
"unsagbare Worte [hörte], die ein Mensch nicht aussprechen kann"?
War Paulus ein Christ? Wenn ihm Rüdiger Hauth dies zugesteht,
obwohl Paulus im Besitz religiöser Geheimnisse war, dann darf er
die Heiligen der Letzten Tage konsequenterweise nicht aus der
Christenheit ausschließen, nur weil sie Rituale pflegen, über die
sie nicht in aller Öffentlichkeit sprechen möchten.
Hauths Unfähigkeit, Beweise
für seine Behauptungen vorzulegen, läuft parallel zu seiner
Weigerung, die Beweise und Argumente der Mormonen anzuerkennen. Der
Gottesdienst im Tempel ist ein Kernstück des Buches Die
Mormonen. (Der mit diesem Thema befaßte Teil des Hauthschen
Buches lebt offensichtlich ebensosehr von gebrochenen Versprechen,
Gelöbnissen und Bündnissen wie die moderne amerikanische Kultur von
Ehebruch, Scheidung und Serienehen .) Völlig undifferenziert kommt
Hauth mit Krittelei und Vergleichen zum alttestamentlichen Tempel
in Jerusalem daher, ohne sich auch nur im geringsten mit der
umfangreichen Literatur befaßt zu haben, die HLT-Wissenschaftler zu
genau den Fragen verfaßt haben, die Hauth aufwirft.36
Für einen Wissenschaftler, der sich für einen Fachmann zum Thema
Tempelgottesdienst der Mormonen hält, ist dies eine bemerkenswerte
Unterlassung. HLT-Wissenschaftler befassen sich besonders intensiv
mit der Erforschung der Tempel des Altertums, und ihre Erkenntnisse
sind auch außerhalb der Kirche Jesu Christi der Heiligen der
Letzten Tage mehr als anerkannt (aber nicht von Rüdiger
Hauth).37
Es
ist keinesfalls hinlänglich, einfach zu behaupten, so wie Hauth
dies auf Seite 91 tut, daß das Entzweireißen des Vorhangs im
Jerusalemer Tempel nach der Kreuzigung Christi dem Tempel seine
Bedeutung genommen hat. Auch andere Deutungen sind sowohl möglich
als auch historisch zulässig. Warum sonst hätten Paulus und andere
Urchristen am Tempelgottesdienst teilgenommen? (Siehe z.B. Lukas
24:53; Apostelgeschichte 2:46; 21:26, u.a.) Auch die Behauptung,
daß die frühesten Christen keine Tempel gebaut hätten, reicht als
Beweis gegen die Tempellehre der Heiligen der Letzten Tage nicht
aus - die Urchristen haben nämlich so gut wie überhaupt nichts
gebaut.38
(Ebenso verhielt es sich mit den Mormonen: Als ihnen kein Tempel
zur Verfügung stand, vollzogen sie ihre Riten häufig an anderen
Stellen, so z.B. in Joseph Smiths Laden in Nauvoo und auf dem
Ensign Peak in Utah.)
Zur
Erklärung des Buches Mormon führt Hauth Ethan Smiths View of the
Hebrews, sowie Solomon Spauldings Manuscript Found (S.
17, 18) an - ohne die Haltlosigkeit solcher Erklärungen zu
begreifen, auf die sowohl von HLT-Wissenschaftlern, als auch von
Wissenschaftlern außerhalb der Kirche, immer wieder hingewiesen
wird.39
Im Gegenteil, Hauth wählt einige der "zahlreichen Ungereimtheiten,
Irrtümer und Absurditäten" (S. 171) aus dem Buch Mormon zur
Ergötzung und Erbauung seiner Leserschaft aus.40
Die von ihm angegebenen Schriftstellen wurden in den vielen
vergangenen Jahrzehnten jedoch wiederholt von HLT-Wissenschaftlern
erläutert.41
Ebenso wie andere fundamentalistische Kritiker des Buches Mormon
(überraschenderweise allerdings von jemandem, der nur zu
bereitwillig Bibelverse über Bord wirft, die den Mormonismus zu
unterstützen scheinen); überbetont er archäologische Funde, die
Aussagen aus dem Alten und Neuen Testament bestätigen und ignoriert
dabei völlig die Forschung, die Aussagen aus dem Buch Mormon
bestätigen:42
"Im Gegensatz zur Bibel", so Hauth, "deren historische,
geographische und kulturelle Berichte entweder durch außerbiblische
Dokumente oder archäologische Forschungsergebnisse bestätigt
wurden, läßt sich nichts dergleichen vom 'Buch Mormon' sagen." (S.
172.)43
Man muß wohl kaum darauf hinweisen, daß Hauth, obwohl er (auf Seite
83) eine im Buch Mormon enthaltene Predigt kritisiert, die der in
Matthäus enthaltenen Bergpredigt ähnelt, noch nie den seit Jahren
erhältlichen Artikel von John W. Welch The Sermon at the Temple
and the Sermon on the Mount gelesen hat.44
Auf
Seite 172 vergleicht Hauth das Buch Mormon mit drei eindeutig neuen
apokryphen Evangelien und weist den Leser indirekt darauf hin, daß
das Buch Mormon um nichts besser sei als diese und sich eigentlich
auch nicht von ihnen unterscheide. Das Buch Mormon unterscheidet
sich von ihnen jedoch ganz wesentlich. Mehr als zehn Millionen
heute lebende Menschen verschiedenster Herkunft, Sprache und Nation
glauben daran, daß das Buch Mormon das Wort Gottes ist. Das Buch
Mormon ist Ursache des schnellen Wachstums einer religiösen
Bewegung von wesentlicher historischer und politischer Bedeutung.
Wenn auch unbemerkt von Rüdiger Hauth, so hat das Buch Mormon
immerhin das Zustandekommen einer erheblichen Menge
wissenschaftlicher Forschung bewirkt. Dazu könnte noch viel mehr
gesagt werden. Gibt es jedoch etwas. Ähnliches in Zusammenhang mit
Edmond Szekelys "Friedensevangelium der Essener" , Gideon Ouseleys
"Evangelium des vollkommenen Lebens" oder Levi H. Dowlings
"Wassermann-Evangelium"?
Auf
gleiche Weise handelt Hauth das Buch Abraham auf ca. 2
Seiten(S.23-25) ab, ohne auf die umfangreiche Literatur
hinzuweisen, die dessen Echtheit bestätigt.45
Um zu beweisen, wie düster es für die geistig umnachteten Heiligen
der Letzten Tage aussieht, zitiert Hauth sogar die Studentenzeitung
der Brigham Young University, den Daily Universe, wo
Hugh Nibley in der Ausgabe vom 1. Dezember 1967 wie folgt zitiert
wird (und dies ist, soweit
ersichtlich, das einzige Nibley-Zitat in Die Mormonen - ein
auffälliges Versäumnis in einem Buch, in dem es doch um die Rolle
des Tempels . im Glauben der Heiligen der Letzten Tage geht und
Professor Nibley eine allgemein anerkannte Autorität auf dem Gebiet
der Tempelforschung ist) : "Diese Entdeckung ist für die
mormonischen Gelehrten doch eine böse Überraschung" "LDS scholars
are caught flatfooted by this discovery", so Hauth auf Seite 25 in
Zusammenhang mit Aziz Atiyas überraschenden Funden im New Yorker
Metropolitan Museum.
Hauths Nibley-Übersetzung scheint die Vermutung zu bestätigen, zu
der - geht es nach Hauth - der Leser von Die Mormonen
hoffentlich von alleine kommt, daß nämlich die Mormonen vom Fund
der Papyri entsetzt waren und noch immer sind, beweisen die Papyri
doch, daß Joseph Smith und das Buch Abraham ein Betrug waren. Aber
diesmal hat Hauth das englische Original wiedergegeben und - wie zu
vermuten war - hat es eine gänzlich andere Bedeutung als die
Hauthsche Übersetzung. "LDS Scholars are caught flatfooted by this
discovery", rief Professor Nibley ziemlich aufgeregt und in
idiomatischem amerikanischem
Englisch. "To be caught flatfooted" heißt, unvorbereitet überrascht
zu werden. (So z.B. wie eine Person, die sich nicht im
Gleichgewicht befindet und laufbereit ist, sondern einfach nur
still dasteht.) Diese Redewendung hat keinerlei negativen
Beigeschmack. Dr. Nibley wies damit einfach auf den Mangel an
Ausbildung auf dem Gebiet der Ägyptologie hin, der damals unter den
Mormonen herrschte, und auf die viele Arbeit und das Studium, das
noch hinter sich gebracht werden müßte, ehe man die neuen Texte,
die uns ohne jede Vorwarnung in den Schoß gefallen waren, sinnvoll
auswerten und neue Schlüsse aus ihnen ziehen könnte. Die Tatsache,
daß sich in den darauffolgenden drei Jahrzehnten Dr. Nibleys
Forschungstätigkeit hauptsächlich mit dem Buch Abraham und seinem
ägyptischen Umfeld befaßt hat, ist ein Beweis für die Begeisterung,
mit der er sich dieser Aufgabe widmete.46
In diesen wissenschaftlichen Werken ist keine Spur der Düsternis
und Verzweiflung zu finden, die Hauths Fehlübersetzung dem
deutschen Leser von Die Mormonen vorgaukeln soll. (Die
brennende Frage ist die: Ist es reiner Zufall, daß Hauths
Fehlübersetzungen stets die Mormonen in ein schlechtes Licht
stellen?)
Man
glaube aber bitte nicht, daß Hauth im Verlaufe seiner
Forschungstätigkeit die Archive der BYU-Studentenzeitung
durchforstet hat. Seine Zitate stammen zweifellos aus anderer
mormonenfeindlicher Polemik, die für ihn eine wesentliche Quelle
darstellt.47
Ein rasches Durchblättern von Die Mormonen fördert
"wissenschaftliche Großleistungen" wie Jerald und Sandra Tanners
Secret Writings of William Clayton(S.29), Mormonism: Shadow
or Reality (S.32, 173) und The Bible and Mormon Doctrine
(S.61) zutage. Einar Anderson (oder auch Andersen - Hauth
verwendet beide Schreibarten), ein bekannter Mormonengegner einer
früheren Generation, stellt ebenfalls eine wichtige Quelle für die
Hauthsche Forschung dar (S.34, 139).48
William Whalens ziemlich feindseliges Buch The Latter-day Saints
in the Modern Day World erscheint auf Seite 31.49
Anerkannte wissenschaftliche Forschungsarbeiten Über die Kirche
Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sind Hauth völlig
unbekannt, also wendet er sich einfach direkt an die Kritiker der
Kirche.
Hauth bezeichnet die Gründungsgeschichte der Kirche als "wundersame
Geschichte", allerdings nicht im positiven Sinn. Obwohl Hauth die
Bibelerzählungen darüber, wie Gott als sterbliches Wesen auf die
Erde gekommen ist, seine Kreuzigung und seinen Tod als wahr
anzuerkennen scheint, bezeichnet er die Geschichte von Joseph Smith
als eine, die "weitgehend märchenhafte Züge trägt und deshalb nicht
mit den Maßstäben normaler Geschichtsschreibung zu messen ist"
(S.11). Leider gehen aus Hauths Buch keinerlei Beweise hervor, daß
ihm der in den letzten Jahrzehnten erschienene umfangreiche und
beeindruckende Korpus an wissenschaftlichen Werken über die
Gründungsgeschichte der Mormonen, die von bekannten
HLT-Wissenschaftlern verfaßt wurden, bekannt ist, Wissenschaftler,
die in der Kunst der "normalen Geschichtsschreibung" ausgebildet
sind. Es ist also schwer begreiflich, worauf Hauth seine
Behauptungen stützt.
Hauth scheint auch das in der amerikanischen Geschichte herrschende
Kräftespiel nicht zu verstehen. Sollte dies allerdings schon der
Fall sein, so ist Hauth offenbar nicht dazu bereit, irgendeine
Erklärung dafür zu liefern, warum er die Heiligen der Letzten Tage
als böse und verachtenswert darstellt. Wenn Hauth die Labilität der
Familie Smith dadurch erklären will, indem er beschreibt, daß
Joseph Smith sen. keinen festen Beruf ausübte und die Familie
häufig ihren Wohnort wechselte (S.11), so vergißt er darauf
hinzuweisen, daß dies ganz im Gegensatz zu den damals in Europa
herrschenden Verhältnissen an der fluktuierenden Grenze zum
amerikanischen Westen die Regel und nicht die Ausnahme war.50
In Zusammenhang mit Negern und dem Priestertum setzt Hauth das Wort
"Neger" in Anführungszeichen (S.42,43) Hier muß angenommen werden,
daß Hauth dies tut, um auf den angeblichen Rassismus hinzuweisen,
der aus dem von Bruce R. McConkie, Brigham Young und anderen
verwendeten englischen Wort "negroe" (das heute nicht mehr
verwendet wird) hervorgehen soll. Hauth hätte zwar erklären können,
daß die Bezeichnung "negroe" im Jahr 1966 (und selbstverständlich
während des 19. Jahrhunderts) als normal galt, auch unter dem
Großteil der schwarzen Amerikaner - er tut dies jedoch nicht.
In
Die Mormonen wird nicht einmal ansatzweise auf die
wissenschaftlichen Veröffentlichungen über die wichtigsten
Ereignisse der Wiederherstellung hingewiesen, wie z.B. von Prof.
Richard L. Anderson (Dr. jur., Harvard University; Dr. phil.,
California-Berkeley)51
oder Prof. Milton V. Backman, jun. (Dr. phil., University of
Pennsylvania)52,
Prof. Richard L. Bushman (Dr. phil., Harvard University)53,
geschweige denn die vielfältigen Werke hauptberuflicher Historiker
wie Thomas G. Alexander (Dr. phil., California-Berkeley), James B.
Allen (Dr. phil., University of Southern California), Leonard J.
Arrington (Dr. phil., University of North Carolina), Davis Bitton
(Dr. phil., University of Princeton), Stanley B. Kimball (Dr. phil.,
Columbia University), Grant Underwood (Dr. phil., University of
California at Los Angeles) u.a. Obwohl die Historikergesellschaft „Mormon
History Association" für ihre Professionalität beneidenswerterweise
allseits bekannt ist, ist deren Existenz Rüdiger Hauth wohl so gut
wie gleichgültig.
Natürlich ist es leichter, in einem Informationsvakuum zu arbeiten.
Man nehme nur ein Beispiel aus Die Mormonen her: Hauth
zitiert darin den Bainbridge-Prozeß aus dem Jahr 1826, um damit
Joseph Smiths Unehrlichkeit zu beweisen (S. 11)54.
Von da an wird die angebliche Unehrlichkeit des Propheten einfach
stillschweigend vorausgesetzt, sowohl als bestehendes Faktum, als
auch als äußerst nützliche Waffe gegen die Heiligen der Letzten
Tage.55
Hauths Behauptung, daß Joseph Smith im Verlaufe des
Bainbridge-Prozesses für schuldig befunden und verurteilt wurde,
hat sich jedoch als falsch erwiesen. Seit 1990 existieren leicht
zugängliche Unterlagen, die dies zu belegen scheinen.56
Und wenn er - wie auf Seite 164 die Argumente der Heiligen der
Letzten Tage zugunsten eines Abfalls von der Urkirche als ohne
"jegliche Beweiskraft" abtut, so tut er dies offensichtlich, ohne
jemals auch nur eine einzige wissenschaftliche Abhandlung eines
Mormonen zu diesem Thema gelesen zu haben.57
Was
in Die Mormonen jedoch am meisten störend zutage tritt, ist
die Verwendung undefinierter Begriffe, um dadurch die Kirche Jesu
Christi der Heiligen der Letzten Tage als fremdartig, böse und
dämlich darzustellen. Hauth bezeichnet Urim und Thummim auf S.54
als "Zauberstein". Auf S.14 verwendet er die Bezeichnung
"Wunderbrille". An anderer Stelle verwendet er auch die Bezeichnung
"Amulett"(S.97, 187) für bestimmte Dinge, und wiederholt beschreibt
Hauth, wie die Heiligen der Letzten Tage (besonders während des
Tempelbesuchs) in die finsteren Bereiche der Magie und des
Aberglaubens hinabsteigen. (Siehe S.100, 122, 126, 135, 150, 187.)58
Zur Beschreibung der Mormonen verwendet Hauth gerne Begriffe wie
"heidnisch" und "okkult-magisch" (z. B. auf S. 122, 124, 135, 187)59,
erklärt aber nie, was er damit eigentlich meint - ist es doch
immens schwierig, ja eigentlich unmöglich, diese Begriffe zu
definieren. Im Sommer 1994 habe ich an der Princeton University ein
zweimonatiges Seminar besucht, das außer von mir noch von über
einem Dutzend Wissenschaftlern auf dem Gebiet der Klassik, der
Soziologie, des Hinduismus, von Neutestamentlern, Anthropologen und
Literaturkundlern besucht wurde und in dessen Verlauf wir uns unter
anderem auf eine Definition des Wortes "Magie" einigen wollten, die
alles miteinschließen sollte, was unserer Ansicht nach dazugehört
und alles ausschließen sollte, was unserer Ansicht nach nicht
dazugehört.60
Es ist uns nicht gelungen.
Hauth bemüht sich diesbezüglich nicht im geringsten. Anstatt diese
Begriffe als Hilfen zum Verständnis und bei Erklärungen
einzusetzen, was Sorgfalt und Genauigkeit verlangen würde,
verwendet er sie als Waffen. Selbstverständlich kann er sich auf
viele Präzendenzfälle stützen, denn Begriffe wie "Magie",
"Aberglaube", "okkult" und "heidnisch" werden fast immer als Waffen
verwendet. ("Du betreibst Magie, ich betreibe
Religion.") Diese Begriffe scheinen sich in der Polemik so bewährt
zu haben, daß man sie in der ernsthaften Forschung überhaupt nicht
mehr einsetzen kann. Ist sich Hauth bewußt, daß die frühen Christen
von ihren mißbilligenden Nachbarn häufig als einfältig und
abergläubisch bezeichnet wurden? Tacitus und Plinius, die ersten
römischen Schriftsteller, die das Christentum erwähnen, beschreiben
die neue Religion mit Begriffen wie "exitiabilis superstitio, prava
et immodica superstitio" und "inflexibilis obstinatio"61:Verderblicher
Aberglauben, böser und maßloser Aberglauben; unbeugsame
Beharrlichkeit.
Nicht nur, daß Hauth die Existenz wissenschaftlicher Literatur über
die Mormonen ignoriert und darin völlig unbewandert ist, sondern er
hat auch von den wichtigsten wissenschaftlichen Werken auf dem
Gebiet der "Magie" (im Zusammenhang mit den Mormonen) nichts
gehört. Das Buch Die Mormonen läßt nicht im geringsten
darauf schließen, daß Hauth kritische Bücher wie die von D. Michael
Quinn (Early Mormonism and the Magie World View) oder John
L. Brooke (The Refiner's Fire) kennt.62
Die Lektüre dieser Bücher (wenn Hauth sich dazu die Zeit genommen
hätte) hätte ihm wenigstens ein (wenn auch bröckeliges) Fundament
verschafft, von dem aus er ganz allgemein gehaltene Beschuldigungen
des "Okkultismus" hätte in den Raum stellen können.63
Abgesehen davon würde die dümmliche Gegenüberstellung von Magie und
Christentum von heutigen Wissenschaftlern kaum gebilligt werden.
Die Urchristen und sogar Jesus Christus wurden von ihrem Umfeld
immer wieder als Zauberer bezeichnet. Manche heutige
Wissenschaftler sehen wenig Grund dazu, dem zu widersprechen.
64 Auch waren die Urchristen noch weit über die
Anfangsjahre hinaus in Gebräuche verwickelt, die durchaus als
"Magie" bezeichnet werden könnten.65
Offensichtlich hat sich Rüdiger Hauth nicht bemüht,sich mit der
umfangreichen Literatur zum Thema Magie, mittelamerikanischer
Archäologie und HLT-Kirchengeschichte zu befassen, geschweige denn,
sie zu meistern. Vielleicht darf man das von einem Theologen auch
nicht erwarten (andererseits sollte er dann aber auch aufhören,
Bücher über diese Themen zu schreiben). In der Bibel sollte Hauth
allerdings schon beschlagen sein. Das müßte man von ihm erwarten
dürfen. Dem ist aber leider nicht so. So sagt Hauth beispielsweise,
daß schon eine "oberflächliche Betrachtung" der Verse 1. Korinther
15:40-42 zeige, daß die Auslegung dieser Verse durch die Mormonen
unrichtig sei. Die "oberflächliche Betrachtung", die Hauth
anbietet, ist bestenfalls unüberzeugend. Ebenso ist die Hauthsche
Behauptung, daß alle Neutestamentler sich in der Auslegung von 1.
Petrus 3:19 einig sind, und daß deren Auslegung der Behauptung der
Heiligen der Letzten Tage, der Erretter und seine Jünger hätten den
Verstorbenen das Evangelium gepredigt (S.143-146), völlig
zuwiderlaufe, eine krasse Übertreibung. Sogar diese angebliche
Übereinstimmung aller Gelehrten, wie Hauth sie darstellt, stützt
sich auf seine eigenmächtige Ablehnung aller mit obiger
Schriftstelle zusammenhängenden Bibelverse, sowie diese
bestätigenden apokryphen und pseudepigraphen Texte, die Hauth
locker als entbehrliche, quasi-heidnische Mythologie darstellt,
gefolgt von einer äußerst anfechtbaren Demythologisierung à la
Bultmann. Noch einmal: Die Hauthschen Behauptungen sind alles
andere als überzeugend. Man wird hier an eine George Bernard Shaw
zugeschriebene Definition des Begriffes "Geistlicher" erinnert:
"Ein Geistlicher interpretiert die Kirchenlehre, glaubt aber nicht
daran, daß die Bibel tatsächlich meint, was in ihr steht, sondern
er glaubt, daß in der Bibel steht, was er meint."
In
diesem Fall ist es Rüdiger Hauth, der sich von der althergebrachten
Lehre christlicher Tradition entfernt hat, und nicht die Heiligen
der Letzten Tage. Nicht nur 1.Petrus 3: 19-22 und 4:6 beinhalten
Hinweise auf den Besuch Christi in der Geisterwelt.66
Der Descensus, also der "Abstieg Christi in die Hölle"
war jahrhundertelang Standardthema christlicher Schriften und Kunst
und steht ganz offensichtlich im Zusammenhang mit Joseph F. Smiths
aus dem Jahr 1918 stammender "Vision von der Erlösung der Toten".
"Dieses Motiv wurde auch als Abstieg in den Limbus, in die Vorhölle
(also buchstäblich in die 'Lippe') bezeichnet, dem Aufenthaltsort
der vorchristlichen Gerechten und der ungetauft gestorbenen
Kinder."67
Das Apostolische Glaubensbekenntnis in der Forma Recepta als
auch in den von Rufinus (ca. 390 n.Chr.) und Fortunatus (ca. 570
n.Chr.) überlieferten Fassungen, erwähnt den Abstieg der Seele
Christi in die Hölle, während sein Körper im Grab ruhte; ebenso das
Athanasische Glaubensbekenntnis.68
In der Markuskirche in Venedig stehen zwei geschnitzte
Alabastersäulen, die auf das 5. Jahrhundert zurückgehen. Sie wurden
vermutlich am Ende des 4. Kreuzzuges als Teil der Beute nach der
Plünderung Konstantinopels nach Venedig gebracht. Die eine Säule
stellt Christus in der Geisterwelt dar, wie er einem nicht näher
bezeichneten Patriarchen die rechte Hand reicht, während Hades, der
diese Rettung nicht verhindern kann, sich voller Zorn in die Finger
beißt. (Siehe Abb. 1.)69
Aus dem Evangelium des Nikodemus, das aus dem 5. oder 6.
Jahrhundert stammt, ist laut Jacques Le Goff zu erfahren, "daß
Christus in die Hölle hinabgestiegen ist, um die Seelen der
ungetauften Rechtschaffenen, die vor dem Kommen Christi gelebt
haben, aus den Klauen der Hölle zu befreien."70
Die Vorstellung des triumphierenden und rettenden Besuches der
Seele Christi im Reich der Toten, während sein Körper im Grab lag,
war laut K.M. Openshaw "ein Thema, das den Angelsachsen sehr am
Herzen lag.“
Eine
schöne Darstellung dessen findet sich beispielsweise im sogenannten
Tiberius-Psalter, der vermutlich aus der Mitte des 11. Jahrhunderts
stammt.71
Aber nicht nur die Angelsachsen fanden dieses Geschehen
faszinierend ebenso ihre Eroberer. Eine bunte Darstellung des
Eindringens Christi in die Geisterwelt findet sich auch in
Ausschmückungen der Winchester-Bibel. (Siehe Abb.2.)72
Auf einem Taufbecken aus der Normannenzeit in Herfordshire findet
man eine Abbildung der drei Mitglieder der Gottheit, die an der
"Peinigung" der Hölle teilnehmen. (Siehe Abbildung 3.) Genau diese
Skulptur wird in der Schilderung des Descensus im berühmten
aus dem 14. Jahrhundert stammenden Piers Plowman von
William Langland dargestellt.73
Christliche Schreiber, Prediger und Künstler hielten biblische
Berichte wie z.B. die von Jona im Bauch des Wales, Daniel in der
Löwengrube, Simsons Kampf mit dem Löwen oder von David, wie er das
Lamm vor dem Bären rettet, für symbolische Vorwegnahmen des
Besuches Christi in der Geisterwelt und der Rettung der dort
Gefangenen.74
In der Markuskirche von Venedig sowie im Kirchenschiff des nicht
weit entfernt gelegenen Doms von Torcello gibt es Mosaike aus dem
12. Jahrhundert mit beinahe identischer Darstellung der Szene, wie
Christus Adam an der rechten Hand führt und die kaputten Tore des
Hades zertrampelt.75
Das
4. Laterankonzil erhob im Jahr 1215 den Descensus offiziell
zur christlichen Lehre. Der Descensus wird auch im
Compendium theologicae veritatis des Dominikaners Hugo von
Straßburg erwähnt, das um ca. 1268 entstand.76
Beim Konzil zu Lyon wurde der Descensus 1274 als christliche Lehre
bestätigt. Dante, der berühmte italienische Dichter aus dem 14.
Jahrhundert, erwähnt den Abstieg Christi in die Hölle, indem er den
19 v. Chr. verstorbenen Dichter Vergil erklären läßt:
"Ich
war erst neu gekommen,
Da sah ich einen Mächtigen sich nahen,
Der trug auf seinem Haupt des Sieges Krone.
Er
nahm den Schatten unsres ersten Vaters
mit sich und Abel, seinen Sohn, und Noah,
Moses mit den Gesetzen und den frommen
Erzvater Abraham, David den König,
Jakob mit seinem Vater und den Söhnen,
Mit Rahel auch, für die er soviel wirkte;
Und
viele andre noch, und macht' sie selig.
Und du sollst wissen, daß vor diesen
Leuten Seelen von Menschen
nicht gerettet wurden."77
Der
Abstieg Christi in die Hölle war auch ein beliebtes Thema im
englischen Mysteriendrama des Mittelalters. Auch in La Passion
du Palatinus, dem frühesten bekannten französischen
Passionsspiel, wird darauf hingewiesen.78
Im frühen 14. Jahrhundert wurde der Descensus auch in einem
herrlichen byzantinischen Fresko in der Chora-Kirche (der Kariye
Camii) in Konstantinopel dargestellt.79
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts verwendete Albrecht Dürer "Christus
in der Vorhölle" als Motiv einiger Gravuren, die diesen Titel
trugen (siehe Abb. 4).80
"So wie Christus für uns starb und begraben ward, so glauben wir,
daß er in die Hölle hinabstieg", lautet der dritte der 39 "Articles
of Religion of the Church of England" (1563).81
Es
ist unnötig, noch weitere Beispiele anzuführen. "Die meisten
christlichen Theologen glauben", so dasOxford Dictionary of the
Christian Church über den Descensus, "daß der Descensus der
Besuch des Herrn nach dessen Tod in einer Daseinssphäre war, die
weder Himmel noch Hölle im endgültigen Sinn~ sondern ein Ort oder
Zustand ist, wo die Seelen der Menschen, die vor Christus lebten,
auf die Botschaft des Evangeliums gewartet haben. Dies ist auch der
Ort, an den der reumütige Dieb nach seinem Tod am Kreuz (Lukas
23:43) gegangen ist."82
Rüdiger Hauth widmet sich auf Seite 140-142 der Exegese der
Schriftstelle 1. Korinther 15:29 und tut dies ohne jeden Tiefgang
oder historisches Bewußtsein. Er gibt zu, daß es sich dabei um
einen schwierigen Vers handelt; in seinem Kleinen
Sekten-Katechismus gesteht er sogar ein, daß es sich dabei um
"einen der 'dunkelsten' Verse des NT" handelt83
und gibt zu, daß es "in der Gemeinde zu Korinth einige [gab], die
die Praxis der Totentaufe ausübten", aber dessen ungeachtet steht
folgendes fest: Die Auslegung dieser Schriftstelle seitens der
Mormonen ist falsch!
"Eines läßt sich jedoch mit Sicherheit sagen: Der Kult der
Totentaufe war nie Bestandteil christlicher Lehre und hat deshalb
auch nie Eingang in christliches Denken und Handeln gefunden. Im
Gegenteil: Auf dem Konzil zu Karthago 397 wurde diese unchristliche
Praxis offiziell verurteilt."
Da
stellt sich doch eigentlich die Frage, warum ein christliches
Konzil Ende des 4. Jahrhunderts sich mit einer religiösen Praxis
befassen muß, die für die Christen nie und nimmer zur Debatte
gestanden hat. Ebenso drängt sich einem die Frage auf, warum ein
angeblicher Experte auf dem Gebiet des Mormonen-Tempelkults
anscheinend nichts über Hugh Nibleys bedeutenden Artikel über
Totentaufe im Altertum ("Baptism for the Dead in Ancient Times"84)
weiß.
Angesichts der seichten, undifferenzierten und engstirnigen Art, in
der Die Mormonen verfaßt wurde, erscheint es zutiefst
ironisch, daß Rüdiger Hauth die "eindimensional unkritischen
Denkmuster des Mormonismus" (S. 141) bekrittelt. Natürlich handelt
es sich bei Hauths Buch, so wie Abraham Lincoln dies in einem
anderen Zusammenhang formuliert hat, um ein Buch, das all denen
gefallen wird, denen solche Bücher gefallen. Propaganda ist jene
Form der ungenauen Darstellung, bei der meistens Freunde getäuscht
werden, aber selten Feinde.
Es
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